Prall gefüllt sind die Regale von The Good Food – mit allerlei leckeren Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden. Die Kölner Initiative kommt so gut an, dass sie jetzt expandiert.

Vor dem Ladenlokal in der Kölner Sülzburgstraße 164 wächst die Schlange. Kunden warten in einigem Abstand zueinander, bis sie – in keimfreien Dreiergruppen – endlich von einer jungen Frau mit Mundschutz in den Kiosk gewunken werden. Dieser Tage ein gewohntes Bild.

Doch an den Covid-19 bedingten Einlass-Beschränkungen allein liegt die Rudelbildung nicht. Heute gibt es Erdbeeren! Erdbeeren, die eigentlich auf dem Müll gelandet wären. Wären da nicht Nicole Klaski und ihre Mitstreiter von The Good Food – DEM Reste-Supermarkt aus Köln Ehrenfeld, der seine erste Zweigstelle im hinteren Teil des Büdchen Casablanca in Sülz eröffnet hat. Seitdem gehen auch im Kölner Süden die abgelaufenen Köstlichkeiten und das krumme Jemös genauso gut weg wie die Semmeln vom Vortag.   

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Die neue Zweigstelle von The Good Food im Büdchen Casablanca. Foto: Ketelsen

Das Konzept von Gründerin Klaski und ihrem stetig wachsenden Team aus überwiegend ehrenamtlichen Helfern ist so simpel wie schlüssig: The Good Food rettet Lebensmittel, die sonst im großen Stil im Abfall gelandet wären, und verkauft sie zum „Zahl, was es dir wert ist“-Preis weiter. Das klingt nach Batik und Barfuß, ist aber anders: Die Regale sind prall gefüllt – nicht nur mit Lauch und Chiasamen, sondern auch mit Popcorn und Craftbier.

„Mindestens haltbar“ heißt nicht „Tödlich ab“

Momentan steht eine ganze Charge Schulmilch im Kühlschrank, die wegen der Corona-Maßnahmen keinen Abnehmer gefunden hat und kurz vorm Ablaufen ist. „Dabei bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum ja aber mindestens haltbar und nicht tödlich ab„, erklärt Klaski mit einem Augenzwinkern.

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Alles frisch Gerettete kostet, soviel es dem Käufer wert ist. Foto: Veith

Ein längerer Aufenthalt in Nepal macht der studierten Juristin die geballte Perversion unseres westlichen Umgangs mit Nahrung bewusst. Rund 12 Millionen Tonnen größtenteils genießbare Lebensmittel wandern jährlich in Deutschland in den Müll – 75 Kilo pro Kopf. Mit den Nahrungsmitteln, die allein in Europa und Nordamerika weggeschmissen werden, könnte man alle Hungernden dieser Welt dreimal statt bekommen. Alle! Dreimal!

Essen wegschmeißen macht Essen teurer

Wer jetzt poltert, man könne ja aber wohl schlecht die Reste vom Mittagessen nach Mali schicken – aufgepasst: Die Nachfrage regelt das Angebot. Immer über alles, zu jeder Zeit und im Übermaß verfügen zu wollen, feuert den Markt an. Essen wegschmeißen verschwendet Ressourcen, führt in der Folge zu ihrer Verknappung und damit zu einem Preisanstieg. Am Ende hat der arme Teil der Weltbevölkerung das Nachsehen und wir dicken Europäer hätten in der Tat sehr wohl was daran ändern können.

„Das hat mich total genervt!“ Nicole Klaskis Erkenntnis bringt sie 2013 zunächst zu foodsharing, einer Initiative, die unter anderem in ganz Deutschland die sogenannten Fair-Teiler betreibt und so viele verschmähte Lebensmittel doch noch ihrer Bestimmung zuführt – nämlich gegessen zu werden.

Ich will auch Dinge retten, die erst gar nicht in den Supermarkt kommen.

Nicole Klaski

„Das ist toll, setzt allerdings am Ende der Wertschöpfungskette an. Ich wollte auch die Dinge retten, die erst gar nicht in den Supermarkt kommen und für die man dann vielleicht auch ein bisschen mehr Logistik aufwenden muss.“ Sprich: Geld. Mit einer Gleichgesinnten bewirbt sich Klaski 2015 deshalb um ein Stipentium von Social Impact. Mit Erfolg. Und ab hier nimmt alles seinen Lauf.

Zweibeinige Möhren und knubbelige Kartoffeln

Die beiden gehen selbst aufs Feld eines befreundeten Bauern und ernten, was ansonsten zurück bleiben würde. Denn Produktion, Handel und nicht zuletzt wir, die verzogene Kundschaft, lassen Obst und Gemüse mit allzu charakteristischen Abweichungen liegen: zu krumm, zu fleckig, zu wenig in der Norm ist „Bäh!“.

„Das finde ich super schade.“ Genau wie die ersten Kunden, die Klaski von ihrem ersten selbstgezimmerten Marktstand aus mit den zweibeinigen Möhren und knubbelige Kartoffeln versorgt. Unter ihnen sind mit der Zeit auch immer mehr Leute, die selbst mit anpacken wollen – wie ein Hausbesitzerpaar aus Ehrenfeld, das The Good Food sein erstes Ladenlokal in der Venloer Straße 414 zur Miete anbietet. Der Startschuss zum ersten offiziellen Reste-Supermarkt Deutschlands.

Wachsen, aber natürlich!

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Auch in Sülz ist alles abgelaufen, aber nicht tödlich. Foto: Ketelsen

Seitdem hat Nicole Klaski an die 80 Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen und mit ihnen zusammen viel erreicht. Der Laden finanziert sich selbst, ein größeres Lager konnte angemietet werden und seit kurzem gibt es sogar ein nagelneues Lastenrad für den CO2-neutralen Transport. Außerdem kann sich Klaski nach fünf Jahren selbst ein Gehalt für ihren Vollzeitjob auszahlen und – darüber ist die 37-jährige besonders froh – auch noch drei weiteren Teilzeitkräften eine Stelle schaffen. „Das bringt uns Kapazitäten für ein paar Experimente“, freut sich Klaski. Die Dependance im Büdchen Casablanca zum Beispiel. Und die läuft super an.

Nur nicht zu viel auf einmal – Klaski setzt auf schrittweise Entwicklung. Zeitweise hat The Good Food auch Caterings und Kochkurse angeboten. „Aber das hat mehr Stress verursacht als Nutzen gebracht. Das hat einfach noch nicht in unsere Struktur gepasst.“ Also haben Klaski und ihr Team erst einmal wieder einen Gang runter geschaltet und schauen lieber, was sich aus ihren Möglichkeiten selbst ergibt. Und darum geht es ja: organisches Wachstum – ob im Unternehmen oder bei den zweibeinigen Möhren.

In ihrem YouTube-Channel geben The Good Food Kochtipps: Folge 1 mit Ute Symanski von Aufbruch Fahrrad.

Zur Website von The Good Food

Dank an Nachhaltige Fotografie Simon Veith

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