Bar jeder Vernunft oder zur Nachahmung empfohlen? Das Kölner Bar-Projekt „Trink-Genosse“ verteilt das unternehmerische Risiko auf viele Schultern. Und erprobt so ein Geschäftsmodell, mit dem sich künftige Krisen womöglich besser meistern lassen als in klassischen Wirtschaftsbetrieben.

Ich habe eine Verabredung: mit Louisa Manz in der neu gegründeten Kölner Bar „Trink-Genosse“. Geht nicht in Corona-Zeiten? Geht doch! Die Trink-Genoss*innen haben nämlich nicht nur mit der Gründung einer Genossenschaft im Juli 2019 Neuland betreten, sondern auch mit der Eröffnung ihrer virtuellen Bar Mitte März 2020, die dem realen Vorbild in Köln-Ehrenfeld entspricht: mit Hauptraum, Küche, Theke, Dancefloor, Hinterzimmer und sogar Kloschlange und Raucherecke. In der sitze ich jetzt mit Louisa, jede von uns allein vor einer Webcam und doch gemeinsam. Eintritt frei!

Administrative Widerstände

Der Traum einer Bar, in der Gemeinschaft vor Profit steht und jede*r seine Ideen einbringen kann, entstand 2016 in einer Kölner Studenten-WG. Die Ur-Trink-Genossen Jan Buckenmayer und Kai Berthold stießen bei der Umsetzung jedoch bald auf administrative Widerstände. Das Konzept einer Bar in Form einer Genossenschaft war ungewöhnlich, und deswegen existierten keine etablierten Strukturen für eine Neugründung.

Im Herbst 2018 gab es den zweiten Anlauf, begleitet von einer Crowdfunding-Kampagne. Rund 150 Leute spendeten 56.000 Euro. Im Juli 2019 folgte die Ausgründung der Genossenschaft: die Menschen aus der Crowd wurden offiziell zu Genoss*innen und damit automatisch zu Eigentümer*innen des „Trink-Genosse“.

Virtuelle Bar Trink-Genosse Köln fff fff.cologne
Die virtuelle Bar.

Noch fehlte ein geeigneter Ort. Es folgten Erkundungstouren durch die Stadt, um Ausschau nach geeigneten Räumlichkeiten zu halten. „In einem Anfall von abenteuerlichem Wahnsinn haben wir das Lokal an der Subbelrather Straße 254 übernommen“, erzählt Louisa. „Wir hatten großes Glück mit dem Vermieter. Der mochte unser Konzept, auch ohne Erfolgsgarantie.“

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Trink-Genossin Louisa Mantz. Foto: Silviu Guiman

Warum ausgerechnet eine Genossenschaft? Ist das nicht staubig, spießig und konservativ? Vorstandsfrau Louisa, Mitglied seit 2018, erklärt es so: „Fast jede Genossin und jeder Genosse hat schon mal davon geträumt, eine Bar oder ein Café zu eröffnen. Bei Trink-Genosse schmeißen alle ihren Traum in einen Topf und machen gemeinsam das, was einer allein nicht schafft.“

Risiko gemeinsam tragen

Für April 2020 war die Eröffnung geplant, aber Corona hatte was dagegen. Stress erzeugt das kaum, nicht nur weil der Vermieter freundlicherweise vorübergehend die Miete gesenkt hat. Eine Genossenschaft verteilt das unternehmerische Risiko auf viele Schultern. Jede*r Genoss*in hält einen oder mehrere Anteile im Wert von je 250 Euro. „Gemeinsam tragen wir auch das Risiko“, sagt Louisa. Niemand hat mit der Bar-Gründung seine Existenz aufs Spiel gesetzt, und so kann Corona den Trink-Genoss*innen im Vergleich zur klassischen Gastronomie wenig anhaben: „Sollte wir es nicht schaffen, habe ich 250 Euro verloren, aber dafür die krasseste Fortbildung meines Lebens bekommen.“

Louisa war im vergangenen Jahr in Vollzeit, aber ehrenamtlich Projektkoordinatorin der Trink-Genossen. Jetzt ist sie wieder in ihren eigentlichen Job und gibt anderen die Gelegenheit sich auszuprobieren.

Solidarisch, kreativ, nachhaltig

Die Genoss*innen geht es um mehr als gemeinsam Spaß zu haben. Sie wollen zeigen, dass solidarisches, kreatives und nachhaltiges Wirtschaften auf lokaler Ebene möglich ist – auch im herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem. Der Profit ist kein Selbstzweck, sondern bildet die notwendige betriebswirtschaftliche Grundlage für ein demokratisches und vielfältiges Miteinander, für faire Gehälter und die zuverlässige Deckung der Betriebskosten.

Die Trink-Genoss*innen wollen einen Präzedenzfall schaffen. Wie beantragt man mit über 100 Eigentümern und drei jährlich wechselnden Menschen im Vorstand eine gewerbliche Konzession, die üblicherweise an Personen gebunden ist und daher mit jedem neuen Vorstand theoretisch neu beantragt werden müsste? Wie eröffnet man mit einem unerprobten Geschäftsmodell ein Konto? Gemeinsam haben sich die Trink-Genoss*innen durch solche administrativen Fragen hindurchgearbeitet. Um Gründer*innen künftiger Genossenschaften den Start zu erleichtern, hat Louisa den Prozess im Blog von Trink-Genosse dokumentiert.

Mitmachen und mitbestimmen

Wer die Grundprinzipien der Genossenschaft teilt, darf die Angebote nutzen und selbst welche machen. Stimmberechtigt sind allerdings nur Anteilseigner; so ist es gesetzlich festgeschrieben. Statt eines Manifests gilt ein „Manifluid“. Louisa: „Wir befinden uns in einem nicht endenden Lernprozess, in dem Konflikte ein Ausdruck unseres demokratischen Vorgehens sind. Aus Konflikten sind bisher die besten Ideen entstanden.“ 

Bisher hat das Netzwerk mit seinen vielfältigen Fähigkeiten alle Herausforderung gemeistert. Und was man nicht kann, lernt man eben. „Menschen dürfen hier die ganze Zeit Sachen machen, zu denen sie sonst nie Gelegenheit hatten“, erzählt Louisa. Wie jüngst bei der Entkernung der Barräume, als der gesamte Sanitärbereich renoviert wurde: „Da wollten alle mal an den Bohrhammer!“ Und natürlich durften auch alle mal – ganz genossenschaftlich.

Ur-Trink-Genossen Jan Buckenmayer und Kai Berthold. Foto: Silviu Guiman

In Coronazeiten laden die Genoss*innen täglich zwischen 19 und 21 Uhr zum Keipen- und Spieleabend ein. Einmal wöchentlich ist Plenum, das allen Interessierten offen steht. Eine Tabelle gibt Übersicht über geplante Aktivitäten und Thekenschichten. Wer die Genoss*innen in der aktuellen Durststrecke unterstützen will, kann dies über digitalen Getränkekauf in der virtuellen Bar tun.

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Trink-Genossinnen in der virtuellen Bar. Foto: Keppel

Zur Website von Trink-Genosse

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