Das Projekt „Mut zur Lücke“ bietet den Corona-Restriktionen die Stirn. Das Bürgerbeteiligungsprojekt hat sich zu einem digitalen Event gemausert. Ein Beispiel für Nachahmer in Zeiten von #stayathome?

Für die in Verzicht geübte schwedische Aktivistin Greta Thunberg stellt die Gewöhnung an die neuen Bedingungen kein Problem dar. Sie twitterte vor einigen Wochen bereits einen Aufruf mit der Message „Take it online“. Viele ihrer Anhänger übersetzten ihren Impuls ins Digitale – aktuell gerade mit vielen Online-Aktionen fürs Klima. „System Change, not Climate Change“ ist ein Satz, den wir in diesen Tagen häufiger lesen. Doch welches System ist eigentlich gemeint? Das politisch-gesellschaftliche oder das analog-digitale? Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.

In Corona-Zeiten sind alle politisch und gesellschaftlich Aktiven mit ähnlichen Fragen konfrontiert: Welche Tools nutze ich, um weiterhin gesehen und gehört zu werden? Wie schaffe ich es, gesellschaftlich involviert zu bleiben – ohne Gesellschaft? Wie verlege ich mein aktives Leben erst von draußen (öffentlicher Raum) nach drinnen (meine eigenen vier Wände) jetzt wieder nach draußen (ins World Wide Web)? Wir alle müssen neue Wege erkunden. Dafür brauchen wir Mut!

Mut zur Lücke

Mut zur Lücke heißt ein Projekt, das die Agora Köln gemeinsam mit engagierten Anwohner*innen, Vereinen und Gewerbetreibenden des Vringsveedels für diesen Sommer geplant hat. Zehn (Park-)Plätze sollen sich in nachbarschaftliche Freiräume verwandeln. Eine schöne Idee, finanziert und beauftragt vom Amt für Straßen- und Verkehrsentwicklung, betreut vom städtischen Fahrradbeauftragten Jürgen Möllers und außerdem Teil des bundesweiten Modellprojekts ExWoSt mit den Städten Kiel, Leipzig und Aachen.

Parklet in Stuttgart. Foto: parklet-stuttgart.de

Sieben Baugruppen haben in monatelanger Vorbereitung öffentliche Aufenthaltsräume geschaffen, um so für eine weniger zugeparkte Innenstadt zu werben. „Parklets“ nennen sich diese Stadtmöbel in Form meist temporärer Bauten in der Größe eines Parkplatzes. Eine Erfindung, die in San Francisco ihren Ursprung hat und weltweit Aktivisten und Freunde des urbanen Lebens erfreut. In Deutschland gibt es seit 2015 Modellversuche in Stuttgart, Berlin oder Flensburg.

Doch nun versursacht das allgemeine Kontaktverbot die viel größere Lücke – und zwar zwischen Aktivisten und Aktivisten sowie Aktivisten und Anwohnern. Der April 2020 sollte der „Werkelmonat“ werden. Etwas desillusioniert stellt der Fahrradbeauftragte Jürgen Möllers fest: „Wozu ein Parklet bauen, wenn momentan noch niemand darauf sitzen darf?!“

Aber Aktivisten wären nicht Aktivisten, wenn ihnen nicht auch zum Umgang mit Corona was Kreatives einfallen würde. Zoom, GoToMeeting, Facebook Live oder Kombinationen aus diversen Helferlein überbrücken die Kontaktlücke zumindest digital.

Digitaler Veedelsspaziergang

Am 19. April 2020 fand der erste Veedelsspaziergang als digitales Live-Event statt. Gabi Linde vom Agora-Team fuhr mit Handykamera und Fahrrad von Lücke zu Lücke, in denen momentan noch Autos parken. Luca Jansen moderierte via Zoom. Pro Lücke schalteten sich die Paten und Patinnen per Videokonferenz zu und präsentierten ihre Ideen. Insgesamt sind es derzeit sieben Projekte, die darauf warten, in die Tat umgesetzt werden zu können.

Lücken-Patin Laura Sahm etwa saß vor dem Haus ihrer WG in der Zwirner Straße. Sie plant das Parklet „Kre_ativ_e Lücke“ gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin Kathrin. „Als wir von Mut zur Lücke hörten, wollten wir sofort dabei sein“, sagt sie. „Wir möchten einen Freiraum in der Nachbarschaft gestalten, bei dem möglichst viele mitmachen und ihre Ideen für eine schöne, lebenswerte Nachbarschaft einbringen.“

Der eigentlich zur Dokumentation des Parklet-Baus vorgesehene Weblog dient dafür nun als Austausch-Plattform. Laura erzählt darüber, dass sie sich in den letzten Wochen viele Gedanken gemacht hat darüber, „wie man das soziale Leben, welches normalerweise auf der bunten Bank vor dem Haus in der Zwirner Str. stattfindet, nun ins Digitale überführen kann“ – Als Ergebnis erleben wir am Sonntag, 26. April, um 11 Uhr das Nachbarschaftsgespräch – natürlich online.

Lauras Kollegin Katrin ist derzeit im Exil in der Eifel und bereitet die Pflanzkisten vor. Es geht also weiter, irgendwie, mit Zuversicht und Handy-Empfang.


Zur Website von Agora Köln

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