Tag des guten Lebens 2017 in Köln-Deutz

Mittlerweile haben es wohl alle verstanden: Damit wir die Corona-Pandemie langfristig in den Griff bekommen, müssen wir Abstand halten. Zuhause bleiben ist gut, aber nicht durchgängig umzusetzen. Mit dem ersten Lebensmitteleinkauf, spätestens mit der Öffnung der kleinen Geschäfte stellt sich die Frage: Wie geht das mit dem Abstandhalten im öffentlichen Raum?

Einmal im Monat präsentiert Martin Herrndorf, Mitbegründer des Colabor und seit vielen Jahren bei der Agora Köln tätig, eine Idee für besseren Klimaschutz in der Stadt.

Egal, mit welchem Verkehrsmittel wir unterwegs sind: Irgendwann werden wir alle zu Fußgänger*innen (wenn man Rollstuhlfahrer*innen dazu zählt). Und wer zu Fuß geht, begegnet fast zwangsläufig anderen Menschen. Was in normalen Zeiten schön ist und Lebensqualität in der Stadt mit ausmacht, wird jetzt zum Problem, denn jede Begegnung ist ja eine potentielle Übertragung.

Denn leider sind unsere Gehwege nur in den wenigsten Fällen breit genug, um „Corona-konforme“ Begegnungen zu ermöglichen. In kleinen Seitenstraßen kann man wenigstens zur Not auf die Straße ausweichen oder kurz im Hauseingang warten.

It’s the Fußverkehr, stupid!

Vollkommen unmöglich wird dies auf Geschäftsstraßen: Hier begegnen einem Menschen im Sekundentakt. Verschärft wird die Situation noch durch Warteschlangen, denn wenn auf einem 2-Meter-Bürgersteig Menschen vor einem Geschäft warten und Fußgänger*innen in beiden Richtungen unterwegs sind, berühren sich die Schultern fast.

Viele der Gehwege sind dabei enger, als sie zwingend sein müssten – nicht zuletzt, weil in vielen Einkaufsstraßen weiter durchgängig geparkt werden kann, teilweise auch dauerhaft. Autos stehen hier tagelang, während sich Fußgänger*innen aneinander vorbeidrücken.

Einfach mal Luft holen

Die Frage nach Freiraum stellt sich nicht nur bei notwendigen Besorgungen, sondern auch bei der Freizeitgestaltung. Gerade hier gibt es eine soziale Spaltung: Wer im Häuschen mit Garten sitzt, holt sich Luft und Sonne dort und lässt seine Kinder auf dem Trampolin springen. Wer in der Innenstadt oder den Vororten in engen Wohnungen, oft genug ohne Balkon sitzt, der muss früher oder später raus und sich bewegen.

Dies geht natürlich in den Parks der Stadt – die aber sehr ungleich verteilt sind. Glück hat, wer in Lindenthal am Stadtwald wohnt. In Ehrenfeld oder der Altstadt ist der Weg zur nächsten Grünfläche aber deutlich weiter.

Gerade an Wochenenden zeigt sich, wie eng und knapp die Flächen dort werden. Dabei geht es zum einen um das Sitzen – aber auch Spielen, Toben oder Flanieren auf den Gehwegen. Hier war in NRW deutlich mehr erlaubt als in anderen Bundesländern – aber haben wir auch die Flächen dazu?

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Corona-Boom beim Radverkehr

Der dritte wichtige Faktor ist der Boom beim Radverkehr. Viele Pendler*innen sind aus dem ÖPNV auf Fahrräder umgestiegen, da sich Abstände hier einfacher einhalten lassen. Aber gerade bei stark wachsenden Zahlen zeigt sich: Wir haben viel zu wenig Platz für den Radverkehr.

Das gilt schon unter üblichen Bedingungen. So sind auf den „Handtuchradwegen“ am Ring Überholvorgänge unmöglich, während der Autoverkehr weiterhin auf zwei Fahrspuren pro Richtung fährt. Zahlreiche Hauptachsen wie die Niehler Straße, die Bäche (in weiten Teilen) oder die Roonstraße haben gar keine Rad-Infrastruktur, was gerade neue Nutzer*innen abschreckt.

Und teilweise erzeugt der Radboom Konflikte mit dem Fußverkehr: Wo Fahrräder in Schlange entlangfahren, kann man vor Geschäften nicht warten. Gleichzeitig sind die Autofahrspuren immer noch ziemlich leer.

Wir können, wenn wir wollen!

Diese Probleme schnell aufzulösen, ist natürlich nicht einfach. Trotzdem gibt es ein paar ermutigende Faktoren.

Die Gute Nachricht #1: Wir sind nicht allein!

Andere Städte stehen vor ganz ähnlichen Herausforderungen wie Köln. Interessant ist dabei, dass es vor allem Metropolen sind, die sich auf den Weg machen: In Bogotá, Berlin, Paris oder San Francisco werden spannende Programme umgesetzt, während kleine Städte eher abwartend sind. Wir müssen uns also entscheiden: Sind wir eher Paris oder eher Paderborn? Eher Berlin oder Burscheid? San Francisco oder Frankenforst? Gleichzeitig können wir auf Handbücher und Richtlinien aus diesen Städten hinweisen – wie den Pop-Up-Bikelane-Richtlinien aus Berlin.

Die Gute Nachricht #2: Manches geht schnell!

Einige Maßnahmen lassen sich rasch und ohne große Vorplanungen umsetzen, zum Beispiel Parkplätze für Warteschlangen freizuräumen. Andere Maßnahmen sind aufwändiger, zum Beispiel Pop-Up-Bike-Lanes. Allerdings gibt es hier dank RingFrei schon Planungen, etwa im ganzen Bereich der Kölner Ringe, die in den Schubladen liegen und jetzt, vereinfacht, vorgezogen werden könnten. Und Berlin hat gezeigt, dass Pop-Up-Maßnahmen auch ohne komplexe Planungen zeitnah möglich sind.

Die Gute Nachricht #3: Es gibt Ressourcen!

Die Ressourcen für die Umsetzung der Pläne sind momentan zahlreich vorhanden. So haben Absperrdienstleister viel Erfahrung darin, Flächen zeitnah zu sperren und umzuverteilen, und Dank der zahlreichen abgesagten Filmdrehs auch die Materialager voll und die Mitarbeiter*innen auf Abruf. Ein zeitnaher Einsatz für öffentliche, Corona-gerechte Freiräume könnte hier sogar helfen, einen oft übersehenen, aber wichtigen Teil der Medienlandschaft zu stabilisieren. Selbst auf zivilgesellschaftliche Ressourcen könnte zurückgegriffen werden: Beim Tag des guten Lebens haben die Bürger*innen der Stadt ja oft genug gezeigt, dass Straßensperrung aus der Bürgerschaft heraus möglich sind**.

Alles im Griff - Absperrdienstleister beim tag des guten Lebens
Blocker am Tag des guten Lebens 2017 in Köln-Deutz. Fotos: Agora Köln / Markus Wilderscheid, Domrauschen

Ein Sofortprogramm für einen Corona-gerechten öffentlichen Raum besteht aus mehreren Komponenten und könnte schrittweise umgesetzt werden. Manche Dinge gehen sofort, andere brauchen ein paar Tage oder Wochen Vorlauf. Trotzdem ist es wichtig, die Dinge jetzt anzupacken, um uns auf die kommenden Wochen und Monate vorzubereiten.

Die Maßnahmen sind durchaus ähnlich wie das, was der ADFC Köln für den Radverkehr fordert, nehmen aber auf die besondere Situation von Fußgänger*innen Rücksicht:

  1. Breitere Gehwege in Einkaufsstraßen durch Sperrung der Parkflächen, insbesondere für Dauerparker.
    Dies ist besonders einfach in „niveaugleichen“ Straßen wie dem Eigelstein oder der Severinsstraße. Aber auch bei baulich getrennten Parkplätzen wie auf der Deutzer Freiheit oder der Berrenrather können schnell Ausweichflächen für Fußgänger*innen geschaffen werden.
  2. Freiraum-Straßen dort, wo Parks überfüllt oder nicht zugänglich sind.
    Nach dem Beispiel der Slow Streets in San Francisco oder der Super-Blocks in Barcelona sollten Straßen für Aufenthalt und Bewegung reserviert werden. Beispiele für eine Grünflächen-nahe Umwidmung wären die Vogelsanger Straße im Grüngürtel, eine Grünflächen-ferne die Körner- oder Stammstraße.
  3. Pop-Up-Bike-Lanes bei hohem Radverkehrsaufkommen und / oder Konflikten mit dem Fußverkehr.
    Möglich und vom Grundsatz her (quasi) beschlossen ist dies auf der Aachener vom Rudolfplatz bis zur Eisenbahn. Wichtig wäre es auf allen großen Straßen (für Insider: dem „gelben“ Netz). Und wenn man es macht, sollte man es direkt richtig umsetzen, das heißt mit „Protection“ einer physischen Barriere.
  4. Stadtweites Tempo30 könnte zeitnah Radverkehr auf der Fahrbahn dort ermöglichen, wo geschützte Radwege nicht möglich oder sinnvoll sind.
    Dies gilt insbesondere für zweispurige Straßen in Wohngebieten – wie die Vogelsanger Straße oder die Lindenstraße.
  5. Schulwege-Schnellprogramm:
    Straßen in direkter Schulnähe sollten, sobald diese schrittweise öffnen, für den Durchgangsverkehr gesperrt werden. Dies entlastet die Situation an Aufstellflächen und hilft, auch Schüler*innen aufs Fahrrad zu bekommen, die sich bei der bisherigen Verkehrssituation nicht sicher fühlen.

Das Berliner Beispiel zeigt: Gerade weil manche dieser Maßnahmen temporär gedacht sind, lassen sich sich einfacher, schneller und günstiger umsetzen. Und weil Einschränkungen gegebenenfalls bis zur Freigabe eines Corona-Impfstoffs beziehungsweise seiner breiten Anwendung bestehen könnten, gilt: Temporär könnte länger dauern, als wir heute vermuten.

Und nochwas: Wenn die Bürger*innen sehen, wie gut die Maßnahmen funktionieren, werden aus temporären manchmal ja vielleicht sogar permanente Regelungen. Oder?

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