Der #fuckcorona hängt inzwischen nicht mehr an der Fensterfront des Unverpacktladens Veedelskrämer im Kölner Agnesviertel
Der #fuckcorona hängt inzwischen nicht mehr an der Fensterfront des Unverpacktladens Veedelskrämer im Kölner Agnesviertel

Jeder weiß, dass wir zu viel Plastikmüll produzieren. Die Corona-Pandemie führt nun offenbar zu wachsenden Müllbergen. Dabei waren wir doch schon auf einem guten Weg, Einwegprodukte und Wegwerfplastik dauerhaft zu reduzieren. Auch an Unverpackt-Läden geht die Krise offenbar nicht spurlos vorbei.

„Mit den Hygieneregeln in der Corona-Krise wird auch wieder mehr Plastik genutzt“, schreibt das Redaktionsnetzwerk Deutschland. Wie das Recyclingunternehmen „Der Grüne Punkt“ mitteile, landen in den gelben Tonne von Privathaushalten seit März etwa zehn Prozent mehr Verpackungsabfall. „Dabei hatte es vor der Pandemie einen Abwärtstrend gegeben.“ Zwar sank gleichzeitig die Menge im Gewerbebereich leicht, in der Summe aber hat der Kunststoffmüll zugenommen.

Die Süddeutsche Zeitung weist darauf hin, dass Rohöl wegen der weltweit schwächelnden Wirtschaft außergewöhnlich billig. Dadurch sei die Herstellung neuen Plastiks noch günstiger geworden – und das Recyceln relativ dazu noch teurer: „Hersteller, die bislang geschreddertes Altplastik oder Rezyklat für ihre Produkte und Verpackungen verwendet haben, schwenken daher auf Neuplastik aus billigem Rohöl um.“

Schütten mit Nüssen, Mandeln und Studentenfutter bei „Tante Olga“. Foto: Jennifer Kiowsky

Dabei gibt es etliche Möglichkeiten, das private Müllaufkommen zu reduzieren. Die Zahl der Anhänger der Zero-Waste-Bewegung wächst. Gerade in Köln, das „als deutsche Hauptstadt des abfallfreien Einkaufens“ gilt.

Im gesamten Bundesgebiet öffnen immer mehr Unverpackt-Läden. Geschäfte also, in die man eigene Gläser, Töpfe, Beutel mitbringt, um darin Lebensmittel oder Reinigungsmittel einzukaufen – und eben nicht in Plastikpackungen.

Gehen die Leute wegen Corona weniger in Unverpackt-Läden?

In der Corona-Krise haben Hygienestandards einen anderen Stellenwert bekommen. Kann es sein, dass deswegen weniger Leute in Unverpackt-Läden einkaufen und so wieder Plastikmüll produzieren?

„Es mag sicherlich Menschen geben, bei denen das so ist“, sagt Olga Witt. Sie ist eine Pionierin der Branche, sitzt im Vorstand von Zero Waste Köln und betreibt unter der Marke „Tante Olga“ in Köln zwei Läden. Allerdings kann sie sich nicht vorstellen, dass es ein großer Teil ihrer Kundschaft ist, der wegen der Pandemie skeptisch geworden ist. Grund für Befürchtungen gebe es nämlich keine. „Im Gegenteil, wir achten schon immer sehr genau auf die Hygiene.“

Die Zeit der Hamsterkäufe ist vorbei

Die Coronazeit hat am Anfang für etwas größeren Andrang gesorgt – insbesondere auf jene Waren, an denen es zeitweise mangelte: Klopapier und Backzutaten. Das ist aber wieder abgeflaut, die Kundschaft kauft insgesamt etwas weniger als vor Corona. Warum das so ist, darüber kann Olga höchstens spekulieren: „Die Leute sagen uns das ja nicht.“

Um jenen Kunden entgegenzukommen, die sich möglichst kurz im Ladenlokal aufhalten wollen, wurde ein neues Angebot geschaffen. Beim „Schnelleinkauf“ können alle Waren außer Lebensmitteln im Online-Shop bestellt, bezahlt und im Laden abgeholt werden. „Das wird aber nicht allzu oft nachgefragt“, sagt Witt.

Zudem hat „Tante Olga“ bis auf Weiteres alle Vorträge, Lesungen und Workshops abgesagt, die sonst im Rahmen der „Akademie Nachhaltigkeit“ stattfinden. Auch das soll der Ausbreitung des Virus‘ entgegenwirken.

Zweimal „Veedelskrämer“ in Köln

Auch vom Unverpackt-Laden „Veedelskrämer“ gibt es zwei Filialen in Köln. Das Geschäft im Agnesviertel hat erst Ende 2019 aufgemacht. Nadja Wulff, die hier arbeitet, hat ähnlich wie Tante Olga einen kurzfristigen Run auf Klopapier beobachtet. Eine stichprobenartige Kontrolle zeigt übrigens, dass das keineswegs zu einer Preissteigerung geführt hat. Die Rolle Toilettenpapier liegt aktuell bei 75 Cent,der „Veedelspreis“ für Inhaber der Kundenkarte bei 71 Cent – genau wie Anfang 2020.

Der Veedelskrämer-Preis von Klopapier ist trotz der zwischenzeitig gestiegenen Nachfrage gleich geblieben. Foto: Markus Düppengießer

Auch Nudeln, Reis und Bohnen waren eine Zeit lang stärker gefragt als üblich. Danach folgte insgesamt ein leichter Nachfragerückgang. Und das, obwohl einige der im März und April dazugekommenen Neukunden sogar „kleben geblieben“ seien und jetzt regelmäßig kämen. „Vielleicht liegt das daran, dass es in anderen Geschäften und auf dem Markt gelegentlich zu Anspannungen unter den Besuchern kam“, mutmaßt Nadja Wulff. „Das gibt es bei uns nicht. Unsere Kunden arbeiten gut mit und sind sehr geduldig.“

Die Leergefäße werden vor dem Einkaufen gewogen

Jedem Neukunden erklärt sie gerne das einfache Prinzip, wie beim Abfüllen der unverpackten Ware vorzugehen ist. Mitten im Ladenlokal, das sich der Veedelskrämer mit einem Weingeschäft teilt, steht eine Waage. Hier werden die mitgebrachten Dosen oder Gläser draufgestellt und das Leergewicht jedes einzelnen Behälters notiert. Nun geht der Kunde zu den Schütten, Fässern und Containern und füllt, was er tatsächlich gerade braucht – also nicht unbedingt die handelsüblichen 500 Gramm Nudeln oder ein Kilogramm Mehl. An der Kasse wird wieder gewogen und das Leergewicht abgezogen.

Bettina Brockmann, die die Veedelskrämer-Märkte zusammen mit Ivana Louis leitet, hat festgestellt, dass „es insgesamt nicht mehr ganz so gut läuft wie vor Corona“. Das habe wohl auch damit zu tun, dass früher viele Leute auf dem Heimweg von der Arbeit vorbeikamen. Zu Homeoffice-Zeiten blieben diese Besuche aus.

„Gefühl der Unsicherheit ist unbegründet“

„Ein paar Leute hatten schon ein unsicheres Gefühl“, hat Nadja Wulff beobachtet. Das sei allerdings unbegründet. Denn nichts, was aus den Containern einmal rausgekommen ist, dürfe wieder dorthin zurück. Jeder einmal benutzte Löffel und jedes geleerte Gefäß werde gründlich gereinigt. „Als Unverpackt-Laden mussten wir vorher schon sehr hohe Hygienestandards erfüllen, daher mussten wir jetzt nicht viel ändern.“ Außer den Dingen, die man aus jedem anderen Geschäft kennt: Desinfektionsmittel am Eingang, Plexiglasscheiben an der Kasse, Maskenpflicht, Hinweise auf die Abstandsregeln.

Blick in die leere „Tante Olga“-Filiale in Sülz. Foto: Jennifer Kiowsky

Unverpackt einkaufen in Köln

Die beiden Filialen von Tante Olga befinden sich in Sülz (Berrenrather Straße 406) und Nippes (Viersener Straße 6), Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa 10-15 Uhr.
Den Veedelskrämer gibt’s in Ehrenfeld (Venloer Straße 270/Eingang Körnerstraße, Mo-Fr 10-13, 14-19 Uhr; Sa 10-16 Uhr) und im Agnesviertel (Neusser Str. 44, Mo-Fr 10-19 Uhr; Sa 10-17 Uhr).
Zudem gibt es Migori – Verpackungsfrei einkaufen in der Südstadt (Bonner Str. 66, Mo-Fr 10-19 Uhr; Sa 10-16 Uhr). Weitere Unverpackt-Läden in Köln sind in Planung.

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