Start SCHULE! #1: SCHULE! – Ein Anfang voller Fragezeichen

#1: SCHULE! – Ein Anfang voller Fragezeichen

KOLUMNE.

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Ein Lehrer steht nach den großen Ferien vor seinem Schulgebäude
Illustration: Samy Challah

Die Sommerferien sind vorbei. Corona aber ist immer noch da und macht einen normalen Schulalltag weitgehend unmöglich. Das zeigt schon die allererste Woche nach Wiederbeginn.

Alle Welt redet über sie. Schließlich sind die Schulen die Zukunftslabore unserer Gesellschaft. Aber außer denen, die täglich dort sind, weiß kaum einer, was hinter den Schulmauern wirklich vor sich geht. In unserer neuen Serie SCHULE! berichtet ab sofort ein Lehrer aus seiner Alltagspraxis. Damit er das freimütig tun kann, behalten wir seine Schule und seinen Namen für uns.

Es muss weitergehen. Und wie das Land NRW vorgeht, finde ich konsequent. Wenn es sinnvoll ist, zum Beispiel beim Einkaufen Maske zu tragen, ist es das in einem Schulgebäude logischerweise auch.

Wir Lehrer können uns alle zwei Wochen auf Corona testen lassen, selbst wenn wir keine Symptome haben. Ein Angebot, dass ich unbedingt nutzen möchte. Von meiner Hausärztin erfahre ich allerdings, dass sie keine Tests durchführt. Also probiere ich es bei dem empfohlenen Labor. Nach mehreren Fehlversuchen in der Telefon-Warteschleife komme ich endlich durch. Ich solle mit dem Auto kommen, sagt man mir, da das Testzentrum ein „Auto-Drive-In“ sei.

Ich fahre eigentlich nirgendwo in der Stadt mit dem Auto hin und habe auch nicht vor, das jetzt zu tun, um einen Test zu bekommen. Ich bin Öko, ich bin Radfahrer. Da werde ich mir was einfallen lassen müssen.

Lehrerkonferenz im Lehrerzimmer: wirklich okay?

Der letzte Montag in den Sommerferien beginnt mit der obligatorischen Lehrerkonferenz. Die ist auch in Nicht-Coronazeiten eine echte Wunder-, pardon, Schultüte. Man bekommt seine neue Stunden- und Klassenpläne und wahnsinnig viele Infos, die man an die Schülerinnen und Schüler weiterzugeben hat. Bonbons gibt’s allerdings in der Regel keine, dafür schmeißt die Schulleitung ein Frühstücksbuffet – auch in diesem Jahr. Dabei hatte ich damit gerechnet, dass das wegen Corona ausfällt. Wir müssen sonst sogar unseren Kaffee von zu Hause mitbringen, denn die Pad-Maschine im Lehrerzimmer ist tabu.

Die Lehrerkonferenz vor den Großen Ferien fand noch in der Turnhalle unserer Schule statt – mit mindestens zwei Metern Abstand zwischen den Kolleg*innen. Jetzt treffen wir uns regulär im Lehrerzimmer und dürfen sogar die Masken abnehmen, sobald wir Platz genommen haben, obwohl einige Kolleginnen nebeneinander sitzen. Ist das wirklich okay?

Lehrer*innen sind meistens ziemlich vernünftige Menschen, glaube ich. Aber auch in der Lehrerschaft bildet sich ein gewisser Querschnitt der Bevölkerung ab. Ich habe zwar noch keine/n Kollegen/in mitbekommen, die/der alles verdammt, was „die da oben“ für uns entscheiden. Aber Zweifler gibt es auch hier. Die rhetorisch gemeinte Frage, ob man jemanden kenne würde, der an Covid-19 gestorben sei, habe auch ich schon gehört. Der Frager erwartete die Antwort: „Nein.“ Leider muss ich ihn enttäuschen. „Ja!“ lautet meine Antwort. Ich wünschte, es wäre anders.

Der erste Schultag: Chillen ohne Maske?

Auf meinem Weg am Morgen des ersten Schultags nach den Ferien komme ich an einem Gymnasium vorbei. Schülerinnen und Schüler stehen vor Unterrichtsbeginn beieinander und freuen sich sichtlich über das Wiedersehen. Keiner trägt eine Maske. Das tun sie einigermaßen diszipliniert vermutlich wohl nur während der Zeit im Schulgebäude. Danach kommen die Masken wieder runter. Chillt sich einfach besser so.

Im Klassenzimmer: mit Trink-Ecke?

Unterricht im Klassenverband – ist das lange her! Alle Schülerinnen und Schüler von morgens bis nachmittags in der Schule – im Klassenraum, im Schulgebäude, auf dem Pausenhof. Aber immer mit Maske! Nur beim Ins-Brot-Beißen und Trinken dürfen Mund und Nase kurz an die frische Luft.

Ich würde meinen Schülerinnen und Schülern auch während des Unterrichts gern erlauben, ihren Durst zu stillen. Schließlich ist es sommerlich heiß. Aber wie und wo kann ich das zulassen? Ich überlege, eine Trink-Ecke im Klassenzimmer einzurichten, die jeder dreimal pro Unterrichtsstunde aufsuchen darf. Bei 20 Durstenden in der Klasse komme ich so auf bis zu 60 Störungen in 45 Minuten Unterricht. Wenig praktikabel.

Auch der Sportunterricht macht Schwierigkeiten. Er soll draußen stattfinden – mit Abstand, ohne Maske. Aber wo? Auf dem Pausenhof? Auf der Bezirkssportanlage, wenn dort nicht gerade die Kinder und Jugendlichen der benachbarten Gesamt- und Realschule ihre Runden drehen? Und was, wenn das Wetter keinen Outdoorsport zulässt? Masken auf und „Rocky“ gucken?

Wahlpflichtfächer im Home-Schooling: Wohin mit den Drums?

Im sogenannten Wahlpflichtunterricht bilden sich Gruppen aus verschiedenen Jahrgangsstufen. Das ist nach Stand der Dinge auch jetzt zulässig. Unsere Schulleitung allerdings empfindet das als Widerspruch zu der ministeriellen Vorgabe, wonach immer nur dieselben Schüler zusammenkommen dürfen.

Lösung: Die Wahlpflichtfächer werden im Home-Schooling unterrichtet. In vielen Fällen mag das funktionieren. Aber wie soll das mit der Schülerband klappen, die ein Kollege und ich anleiten? Sollen wir dem Nachwuchs-Drummer das Schul-Schlagzeug mit nach Hause geben?

Fragen wie diese werden uns wohl noch eine ganze Weile durch den Schulalltag begleiten. Und nicht immer werden sie sich zur Zufriedenheit aller beantworten lassen.

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