Seit 2004 steht das Wort „googeln“ im Duden als Synonym für den Gebrauch einer Internetsuchmaschine. Dabei gibt es seit 2009 Ecosia, die „Suchmaschine, die Bäume pflanzt“ mit Sitz in Berlin. 15 Millionen Menschen nutzen sie inzwischen und haben so die Pflanzung von weltweit mehr als 100 Millionen Bäumen unterstützt. Der Mann, der Ecosia groß gemacht hat, ist Kölner. Wir haben uns mit Miteigentümer Tim Schumacher über „grünes Investment“ unterhalten.

Wie kam es dazu, dass Sie bei Ecosia investiert haben?

TIM SCHUMACHER: Die ökologische Suchmaschine war nicht meine Idee, aber ich bin sehr früh eingestiegen. 2012, 2013 war das. Damals suchte Christian Kroll aus Berlin, der Gründer, einen Partner, mit dem er Ecosia groß machen kann. Die Firma war noch recht klein, drei Mitarbeiter. Ich habe etwas Geld ins Unternehmen gesteckt und über die Jahre geholfen, Ecosia aufzubauen. Wir haben auch mal überlegt, ein zweites Büro in Köln aufzumachen. Aber es war schon besser, alles an einem Ort zu haben. Obwohl – meinen Teil der Arbeit hab‘ ich eigentlich immer von Köln aus gemacht.

Ecosia erwirtschaftet Geld über Werbung und verwendet einen Großteil davon, um Bäume zu pflanzen. Hat Sie diese Idee von Anfang an überzeugt?

TIM SCHUMACHER: Ja. Schließlich verbindet Ecosia meine beiden Leidenschaften: Internetprojekte und Ökologie. Ich lebe zwar seit 1997 in Köln, aber gebürtig komme ich aus Freiburg, das man ja nicht ohne Grund zu den grünsten Städten der Welt zählt. Da habe ich den ökologischen Teil mit der Muttermilch aufgesogen. Als Teenager habe ich gegen Atomkraft und Straßenanbau demonstriert – allerdings erfolglos. Der Kernreaktor Fessenheim ist immer noch da, und die Bundesstraße B31 wurde trotzdem gebaut. Hardcore-Aktivist war ich nie, lieber habe ich vor dem Computer gesessen und programmiert. Grundsätzlich bin ich aber sehr ökologisch veranlagt, auch privat. Ich fahre hauptsächlich Fahrrad und Bahn, als Familie haben wir ein E-Auto. Ich habe ein Solardach und versuche auf Fleisch zu verzichten. Meine Frau und Kinder treibe ich mit meiner Leidenschaft für Mülltrennung in den Wahnsinn.

Pflanzarbeiten im westafrikanischen Ghana

Vor zwei Jahren haben Sie, ebenso wie Christian Kroll, Ihre Anteile gespendet. Lief das Geschäft nicht mehr?

TIM SCHUMACHER: Im Gegenteil, Ecosia entwickelt sich prima. Im Juli 2020 haben wir den hundertmillionsten Baum gepflanzt. Das Unternehmen wächst weiter – und würde nach klassischen Standards heute im hohen zweistelligen Millionenbereich bewertet werden. Ich bin auch immer noch sehr aktiv, besitze weiterhin 50 Prozent der Stimmrechte. Nur wirtschaftlich haben wir Ecosia gestiftet. Formell ist das noch eine GmbH, aber eine, die keinen Wert mehr für Aktionäre schaffen kann. Es ist eine sogenannte Purpose-Stiftung: Wir verdienen mit ihr kein Geld mehr. Ecosia war für uns immer mehr als ein Unternehmen, eher eine Bewegung.

Kann man denn nicht Geld verdienen und gleichzeitig was Gutes für die Umwelt tun?

TIM SCHUMACHER: Auf jeden Fall, grüne Investitionen können oft sehr, sehr gut sein! Den Menschen – sowohl den Mitarbeitern als auch den Kunden – wird es immer wichtiger, für wen sie arbeiten und bei wem sie einkaufen. So sind ja auch Bio-Produkte aus ihrer Nische gekommen und heute in einigen Bereichen schon Mainstream. Ökologische Investitionen können, wenn sie ehrlich sind, auch eine gute Rendite bringen. Ein Produkt sollte nicht einfach nur grün sein, es muss auch immer gut sein. Am besten sind Angebote, die sich doppelt lohnen. Zum Beispiel habe ich in die Solarfirma Zolar investiert. Da kann man sich mit einem Konfigurator sein eigenes Solardach zusammenstellen – mit nur wenigen Klicks. Und heute gibt es kaum eine bessere Geldanlage. Solardächer sind so effizient geworden! Mit denen kann ich fünf oder sogar zehn Prozent Rendite machen.

Seit 2018 produziert Ecosia eigene Solaranlagen. Inzwischen versorgt die Firma das Stromnetz mit ausreichend sauberer Energie, um alle Suchvorgänge mit erneuerbarer Energie zu betreiben.

Ecosia

Christian Kroll gründete die Internetsuchmaschine, die Bäume pflanzt, im Jahr 2009. Auf einer Weltreise hatte er zuvor von den Auswirkungen der Entwaldung erfahren. In den Jahren danach wurde Ecosia mehrfach international ausgezeichnet, im April 2014 erhielt es als erstes deutsches Unternehmen das Zertifikat B-(wie Benefit)-Corporation. Und so funktioniert es: Etwa 15 Millionen Menschen nutzen Ecosia. Über die Suchanzeigen im Web verdient das Unternehmen Geld. Ein Großteil des Geldes, bislang etwa 13 Millionen Euro, investiert Ecosia, um Bäume zu pflanzen, zurzeit an weltweit 9000 Orten weltweit.
Am 9. Oktober 2018 sorgte das Unternehmen für Aufsehen. Dem Energiekonzern RWE bot man eine Million Euro für den Rest des Hambacher Forstes, für dessen Erhalt damals mit großen Protestaktionen demonstriert wurde. RWE lehnte ab.

Also sind Öko-Investments inzwischen Selbstläufer?

TIM SCHUMACHER: Leider nicht immer. Ich habe auch mal Geld in einen Flohmarkt angelegt, bei dem es weniger darum ging, Sachen neu zu kaufen als Sachen zu tauschen oder gebraucht zu verkaufen. Eine Art Ebay-Kleinanzeigen, aber in hübsch. Das hat nicht geklappt. Und ich investiere durchaus auch in Start-ups, die nichts mit Ökologie zu tun haben – das aber auch nicht vorgeben.

Wie finden Sie denn heraus, wie ehrlich das Anliegen von Unternehmensgründern ist?

TIM SCHUMACHER: Ich schaue mir sehr genau an, ob die menschlich in Ordnung sind. Ob sie mit Leidenschaft bei der Sache sind, auch ökologisch. Es gibt immer wieder Gründer, die so tun, als würden sie sich gegen den Klimawandel einsetzen. Aber manchmal ist das Greenwashing, nur ein Feigenblatt. Das ist nicht ehrlich, da investiere ich dann nicht.

Tim Schumacher

Der gebürtige Freiburger, Jahrgang 1976, stieg 2013 bei Ecosia ein und hält 50 Prozent der Anteile – allerdings nur die Stimmrechte, wirtschaftlich haben Gründer Kroll und Schumacher die Firma gestiftet. 1997 war er nach Köln gekommen, um BWL zu studieren, und lebt heute mit seiner Familie in Lindenthal. 2001 gründete er Sedo, eine Firma für Internetdomains, die er zehn Jahre lang leitete. Seither investiert er in verschiedene Firmen und unterstützt Start-ups.

Wie lässt sich eigentlich der Erfolg einer grünen Investition beziffern?

TIM SCHUMACHER: Renditeziele gehören ja auch dazu, die lassen sich relativ leicht berechnen. Das ist bei den ökologischen Zielen nicht immer so einfach wie etwa bei Ecosia. Auf unserer Homepage wird mitgezählt, wie viele Bäume weltweit von unseren Einnahmen gepflanzt werden. Im Juli haben wir die 100-Millionen-Grenze überschritten, und alle 0,8 Sekunden kommt einer dazu. Bäume sind nicht nur perfekte Kohlendioxidspeicher. Sie helfen auch gegen Erosion, sie verbessern das lokale Klima und haben eine soziale Funktion. Gleichzeitig ist unsere Suchmaske klimakompensiert, die Server laufen mit Ökostrom. Aber jedes Start-up versucht ein wenig anders, seinen grünen Effekt zu messen. Das wird immer wichtiger, da wird sich sicher noch einiges tun. So wie es eine Bilanz gibt, die wirtschaftlichen Erfolg nachweist, muss es für jedes Unternehmen künftig auch eine Klimabilanz geben.

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