Michael Marquardt hat im Rheinauhafen einen Raum für Nachhaltigkeit gegründet. Im Interview erzählt der Möbelfabrikant im Ruhestand, wie es dazu kam und was er für die Zukunft plant.

Das Wort Nachhaltigkeit ist nicht erst seit der Bewegung Fridays for Future in aller Munde. Im Mai haben Sie den Raum für Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

MICHAEL MARQUARDT: Ich finde es gut, was die jungen Menschen machen. Aber Nachhaltigkeit war für mich immer schon ein Thema. Ich habe lange die Firmen „Marquardt-Küchen“ und „Marquardt-Produktion“ geleitet. Die Sparte Küchen habe ich 2007 verkauft, aus der Polstermöbelproduktion habe ich mich 2017 zurückgezogen, mit 70 Jahren. Nachhaltigkeit stand dabei im Zusammenhang mit kommerzieller Verwertung: Indem man Ressourcen schont, kann man ja auch Geld sparen. Und jetzt hab ich gedacht: Wo du so alt geworden bist, machst du das ohne kommerzielle Verwertung.

Michael Marquardt, Unternehmer im Ruhestand, gründete den Raum für Nachhaltigkeit.

Nun haben Sie das Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses zur Verfügung gestellt, eine Ihrer Immobilien im Kölner Rheinauhafen. Was ist dort schon passiert?

MICHAEL MARQUARDT: Im Raum für Nachhaltigkeit passieren viele Dinge gleichzeitig – und es sollen noch mehr werden. Wir stellen ihn interessierten Leuten, die nicht viel Geld haben, als eine Art Bühne zur Verfügung. Hier können sie ihre Projekte präsentieren, in denen sie sich kompetent und leidenschaftlich für eine bessere, nachhaltigere Welt einsetzen. Momentan sind das sechs Projekte, etwa die Modewerkstatt Plan B; Designerin Karin Breul, die auch ein Atelier in der Südstadt hat, ist sonntags hier und veranstaltet offene Re-Design-Workshops. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Kleidung umzugestalten. Bezahlt wird, was es einem wert ist. Auch die Sneakerreinigung Sneaklean unterstützt die Kreislaufwirtschaft: Man kann hier gebrauchte Schuhe umwelt- und materialschonend reinigen lassen. Mithilfe eines Ozonschrankes werden sie vollkommen geruchs- und virenfrei.

Was ist denn ein Ozonschrank?

MICHAEL MARQUARDT: Oh, ein tolles Gerät. Damit kann man Klamotten, die die Waschmaschine nicht überstehen würden, zu 100 Prozent von Viren und Bakterien befreien. Ohne Waschmittel und außer ein wenig Strom quasi ohne Ressourcenverbrauch. Die Sachen werden reingehängt, physisch passiert mit ihnen nichts. Das Gas umspielt sie, ohne die Materialien zu belasten. In der Anschaffung kostet der Schrank zwar viel Geld, aber er hat so gut wie keine Betriebskosten. Und das Ozon wird, wenn es danach an die Luft kommt, sofort wieder zu Sauerstoff. Nachhaltiger geht’s nicht.

Prominente Adresse: Der Raum für Nachhaltigkeit befindet sich im Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses.

Klingt ja toll. Und wie kann man den Raum für Nachhaltigkeit als Plattform nutzen, wenn man glaubt, eine gute Geschäftsidee in diesem Sinne zu haben?

MICHAEL MARQUARDT: Hier sollen Dinge vorgestellt werden, die wirklich positiv sind, die was bringen. Es geht um die Vermittlung von guten Ideen für die Umwelt. Das müssen Spezialisten sein, mit authentischen Projekten, bei denen der kommerzielle Erfolg nicht im Vordergrund steht. Auf lange Sicht sollen sich abwechselnd neue Projekte vorstellen. Wer tolle Produkte oder Dienstleistungen hat, die der Fairness und Nachhaltigkeit dienen, kann uns gerne eine Email schreiben. Wir sind gerade erst dabei, den Raum zu entwickeln. Das wird in unterschiedliche Richtungen weitergehen.

Wir sollten nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude

Michael Marquardt

Was soll denn noch passieren?

MICHAEL MARQUARDT: Künftig wollen wir hier geschlossene Veranstaltungen durchführen, vielleicht unter dem Titel Nachhaltigkeitsabende oder Umweltabende. Spannende Vorträge in gemütlicher Umgebung mit neuen Produkten und Ideen. Und dann sprechen wir darüber, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Bereich machen kann. Wir müssen Graswurzelmarketing betreiben. Nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen Dinge in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Dazu gibt es was Nachhaltiges auf die Gabel, vegan-vegetarisches Essen vom Caterer Esskultour. Der Eintritt liegt dann bei Betrag X – vielleicht 30 Euro, für den ganzen Abend. Außerdem werden sich, sobald Corona das zulässt, im hinteren Teil des Raumes für Nachhaltigkeit wieder die Senioren treffen können.

Da treffen sich Senioren?

MICHAEL MARQUARDT: Das hat mit einer anderen Initiative zu tun, die ich schon länger betreibe. In Thüringen, dem Sitz meiner damaligen Firma Marquardt-Küchen, haben Mitarbeiter von mir und ich selbst vor 25 Jahren Ausflüge für Altenheime veranstaltet. Nach dem Verkauf der Küchenfabrik habe ich Marquardt-Produktion in Köln gegründet. Wir stellen Seniorenheimen Gesundheitssessel kostenlos zur Verfügung. Jetzt mache ich das mit privaten Mitteln. In diesem Zusammenhang habe ich eine eine gemeinnützige GmbH gegründet: „Einfach Lebensfreude“. Auf dem Programm stehen unter anderem Feste und Vorträge. Ein befreundeter Waldpädagoge veranstaltet demnächst Ausflüge zum Umweltbildungszentrum Gut Leidenhausen. Wenn die Projekte im Raum für Nachhaltigkeit irgendwann einmal in der Lage sind, etwas zu spenden, dann wird das zu 100 Prozent dazu verwendet, um „Einfach Lebensfreude“ zu unterstützen.

Woher nehmen Sie die Motivation für so viel Engagement?

MICHAEL MARQUARDT: Dieser altruistische Ansatz, der war bei mir immer schon da. Gleichzeitig ist es so: Wenn man die Augen aufhat und ein aktiver Teilnehmer des Lebens ist, dann ist der Klimaschutz das spannendste Thema, das es gibt. Die ganze Welt spricht von Nachhaltigkeit und vom Zustand der Welt. Aber es passiert sehr wenig. Dabei stehen wir wirklich am Abgrund. Was vor fünf oder zehn Jahren befürchtet wurde, ist heute Realität. Die Insekten sterben. Die Arten werden immer weniger. Ums Tierwohl ist es katastrophal bestellt. Zwar sind die Grünen aktuell die zweitgrößte Partei. Aber das Thema ist immer noch nicht da, wo es hingehört. Außerdem macht es mir Spaß, mit jungen Leuten zusammen zu sein – und helfen zu können. Und ich möchte nicht zu den Idioten gehören, die so weitermachen.

Was wollen Sie mit dem Raum für Nachhaltigkeit denn langfristig erreichen?

MICHAEL MARQUARDT: Dass sich so wenig tut in Richtung Klimaschatz, hat damit zu tun, dass dieses Thema immer noch in den Händen von zu netten Menschen ist. Von Menschen, die nicht viel Ahnung vom Thema Marketing haben – und davon, wie man gute und nachhaltige Ideen umsetzt. Denen auch das Geld dazu fehlt. Das wollen wir ändern. Wir müssen schließlich nicht die erreichen, die eh schon dafür sind, sondern die, die bislang blocken. Eine Einrichtung wie unsere gibt es in ganz Deutschland noch nicht. Keine so geile Location in solch einer Lage. Leicht wird das zwar nicht. Aber wir wollen eine Institution werden. Dabei denken wir ganz, ganz langfristig. Wir sprechen auch schon darüber, wie das weitergeht, wenn ich es nicht mehr machen kann. Gott sei Dank können wir uns einen langen Atem leisten.


Der Raum für Nachhaltigkeit im Web und unter @raumfuernachhaltigkeit auf Instagram

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