Start SCHULE! #3: SCHULE! – Frau Doktor liest Telegram

#3: SCHULE! – Frau Doktor liest Telegram

KOLUMNE.

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Ein Patient im Gespräch mit einer Ärztin
Illustration: Samy Challah

Was ist falsch? Was ist richtig? Und vor allem: Woher soll ich das wissen, wenn selbst meine Hausärztin Storys aus einer Messenger-App offenbar mehr Beachtung schenkt als dem Pschyrembel?

Alle Welt redet über sie. Schließlich sind die Schulen die Zukunftslabore unserer Gesellschaft. Aber außer denen, die täglich dort sind, weiß kaum einer, was hinter den Schulmauern wirklich vor sich geht. In unserer Serie SCHULE! berichtet ein Lehrer aus seiner Alltagspraxis. Damit er das freimütig tun kann, behalten wir seine Schule und seinen Namen für uns.

Der Sportunterricht findet jetzt im Herbst trotz Pandemie wieder in der Sporthalle statt, allerdings mit ordentlich Durchlüftung. Alle Fenster sind geöffnet und die beiden Türen ebenfalls. Bisher kommen alle Schüler*innen gut damit klar. Ich achte darauf, dass sie Abstand halten, und verordne entsprechende Sportarten, Badminton zum Beispiel. Wo das nicht möglich ist – in der Fußball-AG zum Beispiel – müssen alle eine Maske tragen.

Ich bin einer dieser Lehrer, der den Kindern gerne aktiv zeigt, wie Bewegungsabläufe funktionieren. Und das artet dann oft so aus, dass ich einfach mitspiele. Diesmal ging das allerdings nach hinten los. Mit heftigen Schmerzen im Rachen suchte ich in den Tagen danach meine Hausärztin auf. Sie diagnostizierte eine eitrige Mandelentzündung. Die Erklärung für meine Erkrankung lieferte sie gleich mit: Sport treiben mit Maske – das ginge gar nicht!

Meine Ärztin zitiert aus zweifelhaften Telegram-Quellen

Sie erzählte mir von zwei Kindern, die infolge des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes gestorben seien. Die Infos habe sie von Telegram. Ich antwortete ihr, dass ich dieser Messenger-App sehr skeptisch gegenüberstünde und es für sehr gefährlich hielte, dass sie ihren Patienten gegenüber Geschichten aus solch zweifelhaften Quellen verbreite. Ich könne mir durchaus Menschen vorstellen, die durch die offen vorgetragene Kritik ihrer Hausärztin am Maskentragen zum Regimegegner mutierten.

Die Begegnung ließ mir keine Ruhe. Ich recherchierte im Internet nach meiner Hausärztin und fand den Kommentar eines Patienten, der bei ihr dasselbe erlebt hatte. Ich suchte nach der Story und über die angeblich am Maskentragen verstorbenen Kinder und entdeckte Wahn-, pardon, Warnhinweise der Polizei, wonach diese nicht belegten Fälle auf großen Anklang bei Verschwörungstheoretikern stießen.

Was tun? Meine Hausärztin, der ich seit 20 Jahren vertraue, bei der Ärztekammer anschwärzen? Ich habe es nicht getan, sondern ihr eine lange Nachricht mit vielen Fragen geschickt. Auf die Antwort warte ich bis heute.


#1 SCHULE! Ein Anfang voller Fragezeichen

#2 SCHULE! Neue Ansagen, altes Virus

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