Ute Symanski, „Radkomm“-Mitgründerin und Kölner Kommunalpolitikerin, plädiert für eine Verkehrspolitik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert: eine gerechtere Aufteilung der Straßenflächen mit mehr Platz für Rad- und Fußverkehr. Christina Bacher traf sich mit der Soziologin zum Gespräch.

In diesem Jahr musste die „Radkomm“ virtuell stattfinden. Dennoch habt ihr wieder mal ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt, das sich um Themen wie Mobilität, Umweltschutz und Klimagerechtigkeit drehte und neue Impulse zu setzen wusste. Wie waren denn die Rückmeldungen auf diese besondere Form der Tagung?

UTE SYMANSKI: Wir haben festgestellt, dass wir mit dem Online-Programm noch einmal mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer erreichen können – und zwar aus ganz Deutschland. Und weil alle Formate, die wir dieses Jahr auf der „Radkomm“ hatten, nach wie vor online abrufbar sind, schauen immer noch Menschen die Beiträge.

Für mich war die gesamte „Radkomm“ ein Highlight

Ute Symanski

Natürlich fehlten der direkte Austausch und das persönliche Netzwerken – dafür haben wir mehr Reichweite ins ganze Land. Für mich war die gesamte „Radkomm“ ein Highlight. Besonders bewegt hat mich das Format mit Hermann Knoflacher, dem Urgestein aus Wien und Wegbereiter der Verkehrswende, und Vertretern der Fridays-for-Future-Protestbewegung. Da kamen die junge und alte Generation zusammen.

Die Zahl jener, die das Fahrrad nutzen, ist gerade während der Corona-Pandemie sehr angestiegen. Und doch werden verkehrspolitische Maßnahmen wie die sogenannten „Pop-up-Bike-Lanes“ erst mal nur sporadisch als Pilotprojekt umgesetzt. Dabei – das sieht man ja in Berlin – kann mit einfachen Hilfsmitteln eine Fahrbahn abgetrennt und temporär für den Radverkehr freigegeben werden. Radfahrerinnen und Radfahrer kommen so sicherer und schneller voran. Welche Chance besteht in NRW und speziell in Köln, dass man so etwas zeitnah umsetzt? 

Im vergangen Jahr konnte man sich bei der „Radkomm“ sogar noch persönlich begegnen. / Video: Verena Maas

UTE SYMANSKI: Leider werden die Pop-Up-Bike-Lanes in NRW nicht wirklich umgesetzt. Mein Eindruck ist, dass hier nach wie vor das überholte Bild vorherrscht, dass die Straße den Autos gehört. Die Vorstellung, den Straßenraum neu aufzuteilen, scheint vielen hiesigen Verkehrsplanern nach wie vor sehr fremd. Und das, obwohl die Pandemie genau das nahelegt. Denn das Gedränge auf den Rad- und Fußwegen ist keineswegs Pandemie-tauglich.

Kann da längerfristig das neue Fahrradgesetz für NRW Abhilfe schaffen, das ja auf dein Engagement und das deiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter zurückgeht und das jetzt beschlossen wurde? 

UTE SYMANSKI: Das ist ein Wahnsinnserfolg unseres zivilgesellschaftlichen Engagements und zeigt, dass wir Bürger so viel mehr tun können, als unsere Stimme bei den Wahlen abzugeben. Eine Volksinitiative ist ein Mittel der direkten Demokratie. Im Land gibt es keine Tradition für Volksinitiativen. Und tatsächlich ist Aufbruch Fahrrad die erfolgreichste Volksinitiative in NRW bisher, denn der Landtag hat allen neun Forderungen zugestimmt. Das gab es noch nie. Übrigens gab es auch noch nie eine Volksinitiative in NRW, die von einer Frau angemeldet und erfolgreich zum Abschluss gebracht wurde. Darauf bin ich auch ein wenig stolz. Vor allem, weil Mobilität nach wie vor ein eher männerdominiertes Terrain ist.

NRW ist das erste Flächen-Bundesland, das ein eigenes Fahrradgesetz bekommt

Ute Symanski

Wir haben für „Aufbruch Fahrrad“ fast 210.000 Unterschriften in ganz NRW gesammelt. (Anm. d. Red.: Bei der Vergabe des Deutschen Fahrradpreises Anfang des Jahres erhielt „Aufbruch Fahrrad“ außerdem den zweiten Preis in der Kategorie „Kommunikation“.) Ziel ist es, dass der Anteil des Radverkehrs von etwa acht auf 25 Prozent steigt – und zwar bis zum Jahr 2025. Damit das gelingt, haben wir neun Forderungen zur Förderung des Radverkehrs unterbreitet. Die wurden, wie gesagt, alle vom Landtag akzeptiert. Dazu gehört auch, dass das Land viel offensiver dafür wirbt und Öffentlichkeit macht, dass die Menschen das Rad benutzen und das Auto stehen lassen, wann immer es geht. Die Forderungen fließen in ein Fahrradgesetz ein, das aktuell erarbeitet wird. Damit ist NRW das erste Flächen-Bundesland, das ein eigenes Fahrradgesetz bekommt.

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! Vielleicht macht dieses Engagement ja auch anderen Mut, sich für diese wichtigen Themen einzusetzen. Ein Beispiel sind vielleicht auch die Pläne des Architekten Paul Böhm zur Verlegung des Hauptbahnhofs. Man sieht darauf eine breite, grüne Trasse, die sich durch die Stadt zieht. Wie realistisch sind solche Visionen?

UTE SYMANSKI: In vielen Städten weltweit werden solche Ideen umgesetzt. Deshalb halte ich diese Pläne für absolut realistisch. In vielen Metropolen Europas werden die Zonen, in denen gar keine Autos mehr fahren, immer mehr ausgeweitet. Die Oberbürgermeisterin von Paris will ihre Stadt zur Fahrradhauptstadt Europas machen. In Barcelona wurden die Superblocks gebaut (Anm. d. Red.: Zu diesem Thema hat sich bei uns auch schon Martin Herrndorf geäußert), in denen auf Straßen, auf denen vorher Autos fuhren, tatsächlich Picknick- und Spielplätze angelegt wurden.

Wie schaffen wir es, den Autoverkehr einzudämmen?

Ute Symanski

Sehr viele Länder sind viel weiter als Deutschland, was eine Stadtplanung angeht, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt. In diesen Städten ist die wichtigste Frage: Was brauchen die Menschen für ein Umfeld in der Stadt, damit sie gesund und angenehm leben, sich im öffentlichen Raum entfalten können? Und natürlich: Wie schaffen wir es, den Autoverkehr einzudämmen, der beträchtlich zum Kohlenstoffdioxid-Ausstoß beiträgt? In Zeiten der Klimakrise ist das eine wichtige Frage. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass auch Köln umdenken und grüne Trassen für Menschen bauen wird. Wir werden sicherlich Paris, Wien, Barcelona, Madrid, Kopenhagen und anderen Städten hinterherhinken – aber auch wir werden das bald erleben.

Als Aktivistinnen und Aktivisten sagt ihr, dass Klimagerechtigkeit nur mit einer Mobilitätswende möglich sei. Was kann jeder Einzelne dafür tun? Und wie erreicht man die Menschen mit dieser Botschaft?

UTE SYMANSKI: Ich finde sehr wichtig, dass jeder Einzelne sich klarmacht, dass es nur auf ihn ankommt. Denn nur für uns selbst können wir Verantwortung übernehmen und unser Handeln umstellen. Deshalb gilt für mich das Argument überhaupt nicht, dass es nichts ändern würde, wenn der Einzelne nicht mehr fliegt oder weniger Auto fährt – doch! Immer mehr Menschen übernehmen Verantwortung und tragen ihren Teil bei im Kampf gegen die Klimaerhitzung.

Es kommt auf jede einzelne Person an

Ute Symanski

Und es kommt auf jede einzelne Person an, die das auch tut. Jede und jeder kann sich zum Beispiel fragen, welche Fahrt mit dem Auto er oder sie im Verlauf einer Woche einsparen kann. Ich bin sicher, dass wirklich jeder eine Fahrt mit dem Rad oder dem ÖPNV machen könnte. Wenn wir alle nur noch die wirklich notwendigen PKW-Fahrten oder Flugreisen unternehmen und für alle anderen Anlässe umweltfreundliche Mobilität nutzen, dann gewinnen wir sehr viel. Und verlieren: nichts.

Ob es um die Nutzung des Autos in der Stadt oder um das Einkaufsverhalten geht – der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und die Hiobsbotschaften in den Medien fördern oft noch diese Art von „erlernter Hilflosigkeit“, die letztlich nur den Trugschluss rechtfertigt: Mein Handeln hat sowieso keinen Einfluss. Wie begegnet ihr einer solchen Haltung? 

Soziologin Dr. Ute Symanski ist Vorsitzende des gemeinnützigen „Radkomm“ e. V. und gründete 2009 die Kölner Wählergruppe „Deine Freunde“ mit, die für mehr Mitbestimmung auf kommunaler Ebene eintritt. Journalistin Christina Bacher interessiert sich vorrangig für soziale und politische Themen. Im August erschien ihr aktueller Krimi „Hinkels Mord“. Sie ist Chefredakteurin von Deutschlands ältester Straßenzeitung Draussenseiter. In der Novemberausgabe ist das Interview, das hier in gekürzter Fassung erscheint, vollständig zu lesen. Das Heft gibt es auf Kölns Straßen zu kaufen und im Abo.

UTE SYMANSKI: Tatsächlich können wir, seit Greta Thunberg ihre Schulstreiks fürs Klima gestartet hat, nicht mehr ernsthaft sagen, dass ein Mensch alleine nichts bewegen kann. Ich finde es nach wie vor sehr bewegend: Ein Teenager-Mädchen setzt sich alleine vor das Parlament in Schweden – und löst damit eine weltweite Bewegung aus! Wenn ein junges Mädchen das kann, wie viel können wir dann erst bewegen, wenn wir immer mehr werden?

Und es werden ja immer mehr, die sich für den Klimaschutz einsetzen. Wirst du dennoch manchmal ungeduldig? Gehen dir diese Prozesse oft zu langsam?

UTE SYMANSKI: Ja, das werde ich, klar. Ich mache mir Sorgen, dass wir es als Menschheit nicht schaffen, die Klimaerhitzung aufzuhalten, und mich ärgert oft, dass wir so unvernünftig handeln und so wenig an die nachfolgenden Generationen denken und daran, was wir ihnen für eine Welt hinterlassen.

Was wünschst du dir für Köln? Was sind deine nächsten Ziele?

UTE SYMANSKI: Für Köln wünsche ich mir, dass der Klimanotstand viel ernster genommen wird, als das derzeit der Fall ist. Der Rat der Stadt hat den Klimanotstand ausgerufen und stimmt dennoch einer Bebauung im Grüngürtel zu. Ich wünsche mir, dass dieses „Es hat noch immer gut gegangen“ aufhört. Und dass Köln mutig vorangeht und die Verkehrswende und die Energiewende anpackt.

Köln muss alles dafür tun, dass keine Menschen mehr im Straßenverkehr sterben

Ute Symanski

Das heißt konkret: Die Stadt so planen, dass das private Auto überflüssig wird, also die Innenstadt inklusive der Ringe für den PKW-Verkehr nahezu sperren, Tempo 30 in der gesamten Stadt, Schrittgeschwindigkeit in den Wohnstraßen und dem Vorbild Paris folgen: parkende Autos in Quartiersgaragen und weg von der Straße, auf jeder mehrspurigen Straße eine Spur für den Radverkehr vorsehen. Seit 2015 sind in Köln 50 Radfahrer und Fußgänger von Autos überfahren worden und gestorben. Wenn ich mir das aussuchen könnte, dann würde die Verkehrsplanung sofort alles dafür tun, dass es keine weiteren Verkehrstoten mehr gibt.

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