Wir schreiben das Jahr 2020. Vorweihnachtszeit. Ganz Deutschland bestellt Päckchen, die Regale in den Geschäften müssen gefüllt werden – und das passiert mit Diesel-Lkw. Wie auch anders? So: mit moderner Stadtlogistik.

Einmal im Monat präsentiert unser Idee des Monats-Autor Martin Herrndorf, Mitbegründer des Colabor und seit vielen Jahren bei der Agora Köln tätig, eine Idee für besseren Klimaschutz in der Stadt. Heute mal als „Visiönchen des Monats“.

Wie immer sollte das Visiönchen zeitnah umsetzbar sein. Und deswegen gibt es keine Flugtaxis, keine unterirdischen Paketröhren. Sondern einfach eine neue, vielleicht überraschende Kombination unterschiedlicher Elemente.

Am Anfang war der Fahrradanhänger

Ja, der gute alte Fahrradanhänger. Auch wenn ganz Deutschland vom LastenRAD schwärmt – für dieses Visiönchen passen Fahrradanhänger besser.

Ganz konkret geht es um Hänger wie Carla Cargo. Mit Auflaufbremse und eigenem Elektroantrieb ausgerüstet, schließen sie die Lücke zwischen passivem Hinterherziehen und einem eigenen Gefährt.

Der Lastenanhänger „Carla“ lässt sich mit allen gängigen Fahrrädern kombinieren, versprechen die Hersteller. / Foto: www.carlacargo.de

Der Vorteil: Fahrradanhänger sind flexibel. Sie lassen sich an Fahrräder (oder anderes) an- und abkoppeln. Sie lassen sich abstellen, sie lassen sich sogar hintereinanderkoppeln.

Rein in die Stadt!

Wir beginnen draußen vor der Stadt. Hier werden die Fahrradanhänger in unterschiedlichen Logistikzentren gepackt. Aus den digitalen „Tags“ lesen die Logistikarbeiter direkt ab, welches Päckchen in welchen Hänger kommt.

Dann müssen die Anhänger in die Stadt. Meine Lieblingsidee ist ein Fahrradanhänger-Zug, in dem dutzende Fahrradanhänger gekoppelt sind. Von digitaler Technologie spurtreu gehalten, fährt sie ein tapferer Radler (oder eine Radlerin) in die Innenstadt. Elektromotoren in den Hängern treiben die tausenden Kilos an Waren dezentral voran,

Aber es ginge auch anders. So könnten man die Fahrradanhänger vom Logistik-Zentrum im Morgengrauen, vor den Pendlerströmen, zu einem KVB-Bahnhof fahren und dort auf ein autonom fahrendes Untergestell laden. In der Stadtmitte wird dann wieder ausgeladen.

Nicht zuletzt ließen sich auch „Hub & Spoke“-Modelle entwickeln. So gibt es rund um die Kölner Innenstadt die Innere Kanalstraße. Hier ließen sich Umlade-Zentren andocken, bei denen Pakete oder Paletten durchaus mit dem Lkw noch in Stadtnähe gefahren und dann umgeladen werden.

(Re-)Kombiniere!

In der Stadt angekommen, wird dann umgekoppelt. Vielleicht finden Hänger aus zwei unterschiedlichen Hängerzügen mit zwei Hängern an einer KVB-Haltestelle zusammen und fahren gemeinsam weiter. Am Ziel übernehmen sie etwa Handelsgeschäfte. Oder Paketauslieferinnen oder -auslieferer, die die Pakete ausliefern. Und zwar die Pakete aller Lieferdienste für eine entsprechende Zone. Oder der Hänger wird, entsprechend gesichert, in reservierten Parkzonen als Postbox aufgestellt. Hier können Anwohnerinnen und Anwohner ihre Pakete dann abholen.

Dabbawallas liefern in indischen Großstädten das Mittagessen aus – in Dabbas, mehrteiligen Metallbehältern. Dieses Transportsystem basiert auf einer einzigartigen Logistik einer Reihe von Überbringern. / Foto: Joe Zachs, Pune India (creativecommons.orglicensesby2.0deed.en)

Die Frage, welcher Hänger woher, wohin, von wem und wann gefahren wird, lässt sich mit modernen Mitteln digital lösen. Hier wäre die „Smart City“ tatsächlich hilfreich. Mit einem digitalen Dabbawalla-System könnten so Hänger durch verschiedene Hände gehen, bevor sie, nach ein paar Umkopplungen, beim Empfänger ankommen. Auf den digitalen Plattformen können Menschen Kapazitäten anfragen. Sowohl für einzelne Fächer (für den Paketversand) oder ganze Hänger, zum Beispiel in bestimmten Zeiträumen.

Auch könnten sich neue Dienstleister etablieren, die etwa die Stadtteillogistik vor Ort übernehmen. Eine bessere Entlohnung wäre hier zum Beispiel möglich, wenn Leerfahren wegfallen und lokale Auslieferungs-Monopole geschaffen werden. Es wären dann nicht mehr mehrere Dienstleister, die eine Straße versorgen, sondern nur einer.

Und wieder raus

Die Hänger müssen natürlich auch wieder raus – am liebsten voll. Dies könnten etwa Päckchen sein, die an den Postboxen abgegeben werden, oder in urbaner Fabrikation entstandene Waren.

Die Lastenanhänger lassen sich zum „Carla-Train“ verlängern. / Foto: www.carlacargo.de

Natürlich können die Hänger auch für den „Wertstofftransport“ genutzt werden. So diese überhaupt in einer möglichst verpackungsfreien Welt noch anfallen. Auch hier könnte dezentral gesammelt und aus der Stadt ausgefahren werden. Ob Altglas, Pfandbehälter, Altpapier oder anfallender Restmüll.

Was braucht es noch?

Eine Menge! So bräuchte es eine digitale Plattform: für die Verteilung der Aufgaben und Hänger im System.

Es braucht durchaus auch Geld – eine Carla Cargo kostet heute 5000 Euro, wobei sich der Preis bei einer massiven Ausweitung der Nachfrage und Produktion sicher senken lassen sollte. Dem stehen Ersparnisse bei den Investitionen in traditionelle Lieferfahrzeuge und Logistiksysteme entgegen.

Machbar wären auch mehr Experimente und Anbieter. Bereits erfolgreich am Markt tätig sind zum Beispiel Lastenradlieferservices wie Newweys, Velocarrier oder Velogista. Es gibt also hier schon relevante Akteure, die durchaus auch den Anspruch an einen Netzwerkgedanken haben. Auch UPS, Dachser oder Rewe sind in dem Bereich aktiv (teils mittels der oben genannten Dienstleister).

Warenlieferung ohne Emissionen: Die newWEYS Logistics GmbH gründete sich 2019 in Köln. / Foto: www.newweys.de

Letzten Endes bräuchte es aber auch politische Entscheidung: Wollen wir weiter Diesel-Lkw in die Städte lassen? Wollen wir dutzende Paket-Lieferdienste die „letzte Meile“ ausliefern lassen oder ein fokussierteres Modell? In beiden Fällen kann man davon ausgehen, dass „der Markt“ hier tatsächlich schnell Angebote entwickeln könnte, wenn es denn Anreize dafür gäbe.

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