Start SCHULE! #4: SCHULE! – Ein Lehrer muss ein Diktator sein. Oder?

#4: SCHULE! – Ein Lehrer muss ein Diktator sein. Oder?

KOLUMNE.

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Schüler toben durch Klassenzimmer, die Lehrer sind entsetzt
Illustration: Samy Challah

Gemeinsam mit meiner Klasse wage ich ein Experiment in gelebter Demokratie. Das Experiment geht nach hinten los und ich frage mich: Waren wir zu Schulzeiten früher auch so?

Alle Welt redet über sie. Schließlich sind die Schulen die Zukunftslabore unserer Gesellschaft. Aber außer denen, die täglich dort sind, weiß kaum einer, was hinter den Schulmauern wirklich vor sich geht. In unserer Serie SCHULE! berichtet ein Lehrer aus seiner Alltagspraxis. Damit er das freimütig tun kann, behalten wir seine Schule und seinen Namen für uns.

Ich bin Mitte 40, arbeite an einer so genannten „Brennpunkt-Hauptschule“ in einer großen Stadt und bin ein großer Verfechter der Demokratie. Wenn die meisten Menschen eine andere Meinung haben als ich, dann glaube ich normalerweise, dass mit meiner Meinung was nicht stimmt.

In der Schule ist das natürlich nicht immer so. Wenn ich eine Deutscharbeit schreiben lassen will und der Großteil der Schüler*innen ist dagegen, dann herrscht Diktatur: „Mein Wille geschehe!“ Das klingt ein bisschen hart, aber ich bin halt der mit der meisten Lebenserfahrung und der Einzige im Raum, der studiert hat und Geld für das bekommt, was er macht. Es ist also sogar meine Pflicht darüber zu entscheiden, was für alle am besten ist.

Meine Schüler*innen stimmen für einen Prank

Zur Verabschiedung meiner Lieblingskollegin, einer Sonderpädagogin an unserer Schule, wollte ich aber mal wieder Demokratie wagen. Ich stellte in meiner 7. Klasse zur Diskussion, wie wir Frau F. zum Abschied feiern sollten. Es gab einige tolle Vorschläge. Zwei davon machten in einer demokratischen Abstimmung das Rennen: eine Schnitzeljagd und ein PRANK.

Für die Älteren unter den Lesern: Ein Prank ist sowas wie die Streiche bei „Verstehen Sie Spaß?“. Man verarscht jemanden also nach Strich und Faden. Bevor es aber für das Opfer zu schlimm wird, löst man die Scharade auf und alle können gemeinsam lachen. Eine schöne Sache – wenn’s funktioniert!

Wir sammelten also Ideen, wie wir Frau F. pranken könnten. Es entstand in demokratischer Zusammenarbeit eine Art Drehbuch. Bei einer besonders engagierten Schülerin, die besonders viel Spaß an der Entwicklung des Pranks hatte, liefen die Fäden zusammen. Über jede Idee stimmten wir wiederum ab.

Natürlich wollten am liebsten alle Schülerinnen und Schüler eine Hauptrolle im Drehbuch der schlechten Manieren haben. Denn genau das war der große Plan: Alle sollten nach und nach ihre gute Kinderstube vergessen und sich so schlecht benehmen, dass Frau F. eine/n nach der/m anderen in den Trainingsraum schicken musste. Das ist ein Zimmer, in dem Schüler*innen, die auf Konfrontation und Unterrichtsstörung aus sind, über ihr Verhalten nachdenken sollten, bis sie wieder bereit für eine ordnungsgemäße Teilnahme am Unterricht sind.

Die Klasse und ich waren ganz aufgeregt

Nach etwa drei bis vier Platzverweisen sollte dann die Lehrerin, die diesen Trainingsraum beaufsichtigt, in die Klasse kommen und sich bei Frau F. beschweren, dass keine weiteren Sünder*innen aufnehmen könne. Zu guter Letzt sollte ein wütender Direktor erscheinen und mit all seiner amtsgegebenen Autorität für Ruhe sorgen. Soweit der Plan. Die Klasse und ich waren ganz aufgeregt. Wir malten uns den Streich in den lustigsten Farben aus.

Schon die Probe allerdings fühlte sich heftig an, ähnlich wie in diesen völlig überdrehten Schulfilmen der Marke „Fack ju Göhte“. Die Schüler*innen waren viel zu schnell viel zu laut und unkontrollierbar. Also übten wir nochmal und nochmal, um die Sache deutlich runterzukochen. Und dann kam der Ernstfall.

Frau F. kommt zu uns ins Klassenzimmer. Ich habe kein gutes Gefühl. Noch während ich da bin, schlagen zwei Schülerinnen total über die Stränge, kauen Kaugummi unter den Masken, legen die Füße auf den Tisch und geben patzige Antworten – sogar mir gegenüber! Das war überhaupt nicht abgesprochen. Dennoch verlasse ich unter einem „dringenden“ Vorwand den Raum und verstecke mich zwei Türen weiter. Dort warten weitere Schüler*innen auf ihren Auftritt.

Alle toben wie eine Affenhorde über die Tische

Kurz darauf höre ich Geräusche wie von einem Kriegsschauplatz. Die ganze Klasse tobt wie eine Affenhorde über die Tische und veranstaltet ein Geschrei, das selbst für mich in meinem Versteck unangenehm ist. Ich schicke zwei Schülerinnen los. Sie sollen mit der Begründung zu spät kommen, sie seien noch beim „McDonald’s“ gewesen; wenigstens sie halten sich an ihre Rollen.

Zwei weitere Schülerinnen machen sich auf den Weg. Sie sollten es schaffen, die Klasse zur Ruhe zu bringen – und so für noch mehr Fassungslosigkeit bei Frau F. sorgen, die es gewohnt ist, ihre Schüler*innen im Griff zu haben. Doch niemand nimmt die beiden hysterisch kreischenden Mädchen wahr. Das Chaos ist komplett.

Ich zweifle an meinem Verstand. Mein Demokratie-Experiment – brachial gescheitert. Waren wir früher auch so? Oder folgten wir noch mehr der Autorität unserer Lehrkräfte? Ich hätte es wissen müssen. Die Jugend wird nicht schlimmer, die waren schon immer so. Wer erinnert sich noch an die Pennäler-Filme mit Hansi Kraus in den 1970er Jahren? Auch da tanzten die Teenager den Lehrern auf den Nasen herum – außer Peter Alexander natürlich. Gibt man 13-Jährigen die Gelegenheit zum Ausrasten, nutzen sie sie – egal ob gespielt oder echt.

Das Happy End fällt aus

Mein Handy klingelt. Meine Lieblingskollegin ruft an – völlig aufgelöst, den Tränen nah – und fragt, ob das ein Spaß sein solle. Sie ist so fertig, dass sie nicht mehr in die Klasse zurückwill. Die Kollegin aus dem Trainingsraum und der Direktor bekommen ihre Auftritte nicht. Der befreiende Ruf – „It’s a prank!“ – fällt aus und damit auch das Happy End. Meine Lieblingskollegin wollte uns nicht mehr sehen. Wir alle – Lehrer und Schüler*innen – wussten, dass wir es richtig verbockt hatten.

Inzwischen ist ein wenig Gras über die Sache gewachsen. Meine Lieblingskollegin spricht wieder mit mir und ich kann endlich besser schlafen. Unsere zweite Aktion zu ihrem Ehren war ein Erfolg. Die Schnitzeljagd war ein großer Spaß und alle Beteiligten happy, dass wir wieder freundlich zueinander waren.

Aber eins ist klar: Sobald der Unterricht wieder regulär losgeht, herrscht bei mir wieder die bewährte Diktatur im Klassenzimmer. Jede*r darf ihre/seine Meinung sagen, aber nur, wenn ich das Wort dazu erteilt habe. Wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier. Zumal dann, wenn es kein Spaß für alle ist.


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