Mögen sich die Erziehungsstile im Wandel der Zeiten auch stetig ändern und den aktuellen Gegebenheiten und Erkenntnissen unserer Gesellschaft anpassen, das Ziel bleibt dasselbe: dem Kind das optimale Rüstzeug für den Überlebenskampf in der Erwachsenenwelt mitzugeben. Meine Eltern konnten nicht ahnen, wie gut sie mich auf die gegenwärtige Pandemie vorbereitet haben: Ich war die Königin des Stubenarrests. Mein Vater entlockte mir mit seinen unappetitlichen „Wasch dir die Hände, sonst …“-Konsekutivketten irgendwann nur noch ein müdes Lächeln. Ich bohrte erst recht nochmal kräftig in der Nase, entsorgte das Viren-verseuchte Sekret im Mund und verschwand in meinem Zimmer wie Michel in seinem Schuppen in Lönneberga. So einen staatlich verordneten Lockdown sitzt jemand mit meiner Vorbildung auf einer Arschbacke ab.

Als Kind lernte Ilka die Vorzüge eines gepflegten Stubenarrests zu schätzen. Von diesem Wissen profitiert sie bis heute.

Im Alter von zehn Jahren entdeckte ich im Bücherregal meiner Eltern das „Gesundheitsbuch“. Es listete in alphabetischer Reihenfolge alle damals grassierenden Krankheiten auf. Mit Fotos! Meine Faszination war ebenso grenzenlos wie meine Sorge, meine Haut könnte erste Anzeichen für Bartflechte aufweisen. Das ungefährlichste Kapitel war „P“, da ich weder einen krummen Penis noch eine kranke Prostata zu befürchten hatte. So wuchs ich im Geheimen zu einer sehr gewissenhaften HypochonderIN heran.

Warum es mir dennoch momentan ganz gut geht? Weil ich schon seit Jahren gegen viel gefährlichere Krankheiten als Covid-19 kämpfe! Zum Beispiel die Pest, das einzig spannende Kapitel im Abschnitt P.

Doch bei aller Hingabe an den professionellen Stubenarrest gibt es Dinge, die mir mein Pandemie-Paradies vergällen. Da wäre zum Beispiel diese bescheuerte Liebe zu meinen Mitmenschen und die damit verbundene Sorge um ihr Wohlergehen. Und genau deswegen drehe ich jetzt den imaginären Schlüssel in der Tür zu meiner guten Stube um und verrücke die Kommode im Flur vier Zentimeter nach rechts.


Quelle: Deutschlandfunk Kultur

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