Heute ist Internationaler Frauentag. Alle Jahre wieder am 8. März frage ich mich, was der Scheiß eigentlich soll. Ich empfinde mich nicht als Teil einer unterdrückten Minderheit.

Zwischen 1959 und 1979 bekamen meine Eltern vier Töchter. Wir sind also fünf Frauen in meiner Familie. Zwei davon sind bereits verwitwet, eine geschieden, zwei führen eine Fernbeziehung. Männer sind auf unseren Familienfeiern echte Exoten. Meine Mutter hat zwei Enkeltöchter, meine Tochter hat zwei Halbschwestern. Den einzigen männlichen Nachkommen in unserer Familie brachte 2014 meine Nichte zur Welt. Sie nannte ihn Moritz, vielleicht in der Hoffnung auf einen Max. Er trägt den Spitznamen „Männlein“.

Die weibliche Wucht in unserem Stammbaum hat Tradition. Meine Oma Grete hatte vier ältere Schwestern und zwei Brüder. Von denen fiel einer im Ersten Weltkrieg, der andere kam nach Trier ins Irrenhaus und fiel dort dem Euthanasie-Programm der Nazis zum Opfer. Die vier Schwestern meiner Oma bekamen fünf Töchter und drei Söhne. Die Söhne fielen allesamt im Zweiten Weltkrieg.

Auch meine Großmutter bekam ein Kind. 1937 wurde meine Mutter geboren – unehelich. Die charmante saarländische Nachbarschaft nannte das Mädchen deshalb einen „Bastard“. Von 1943 an war meine Oma eine Witwe und blieb es. Bis in die 1960er Jahre führte sie ihr eigenes Textilgeschäft, wurde in der Geschäftspost häufig mit „Herr“ angesprochen und hatte einige männliche Bekanntschaften mit Führerschein. Meine Mutter half hinter der Ladentheke mit. Als Tochter einer selbstständigen Geschäftsfrau verfügte sie über ein stabiles Selbstbewusstsein. Der Dorfpfarrer und örtliche Religionslehrer bekam zu spüren, was es bedeutete, sich mit ihr anzulegen.

Er hatte meiner Schwester mit schlechten Zensuren gedroht, weil sie seiner Meinung nach zu selten in seinem Gottesdienst auftauchte. Er kam ins Fegefeuer meiner Mutter. Sie machte bei der Schulleitung so lange Rabatz, bis er nicht mehr Religionslehrer war. Als Kind habe ich diese Anekdote oft gehört. Mir war klar: „So eine Power, die haben nur Frauen!“

Verena Maas Familie
Sieben Frauen und ein „Männlein“: meine lustige Familie. Bilder: Maas

Geschichten von solchem Kaliber gibt es viele bei uns. Männergeschichten haben wir ja keine. Auch ich wurde hinter Theken groß. Meine Mutter betrieb in den 1980er Jahren mehrere Lokale und den Kiosk des Schwimmbads. Ich brachte es zum Messdiener und Funkenmariechen, dann zum Teenie-Model und zur Klassensprecherin, später wurde ich Asta-Vorsitzende, DJ und Kamerafrau. Ich fahre gern Auto und Motorrad, bin Dozentin – oder neudeutsch Dozierende – und jetzt auch noch Chefin. Und zu allem Überfluss habe ich sogar Spaß am Sex. Die Frage, ob ich all das als Frau könne oder dürfe, habe ich mir zum Glück nie stellen müssen und auch sonst hat sie mir niemand gestellt.

Die Männer kamen in unserer Familie häufig schlecht weg. Vor allem mein Vater. Er gab mir in meiner Jugend immer das Gefühl, dass man Männern im Allgemeinen helfen müsse: beim Anziehen, beim Creme-ins-Gesicht-schmieren, beim Kochen, beim Sich-Organisieren oder -Reflektieren, beim Auf-die-Sprünge-kommen und natürlich bei der Kombination all dieser Tätigkeiten. Viel gesagt hat er ja auch nicht, der „arme Willi“. Innerlich schüttelte ich schon früh den Kopf. Ich war einfach nur heilfroh, eine Frau zu sein, und, wenn alles gut läuft, werde ich auch immer eine bleiben.

Wir Frauen, so sagt man es uns ja gerne, müssten aufstehen und für unsere Rechte kämpfen. Ich glaube, ich habe nie gesessen. Mir ist durchaus klar, dass sich die Situation für andere Frauen, Menschen und Wesen auf dieser Welt ganz anders darstellt, auch im Jahr 2021 noch. Mangelndes Selbstwertgefühl lässt sich nicht durch gut-gemeinte Gender-Sternchen ersetzen, auch wenn es an manchen Stellen vielleicht einen Anfang machen mag – und an anderen Stellen voll in die Hose geht.

Verena Maas hat für tu-dus Vibrator*innen entdeckt
„Vibrator*innen“? Richtig geil gegendert, Amorelie.de!


Aufstehen für mehr Gerechtigkeit und mehr Transparenz

Im Berufsleben habe ich ganz unterschiedliche Formen der Diskriminierung beobachtet – und auch der Privilegierung. Ich habe erlebt, wie Frauen den Mund nicht aufbekamen, weil sie dachten, eine Position stünde ihnen nicht zu; wie Frauen Frauen bevorzugten, aber auch Männer Männer diskriminierten und Kollegen auf übelste Art aus leitenden Positionen herauskatapultieren; wie Männer krank wurden durch Stress und Kummer bei der Arbeit. Ich kenne mindestens zwei Männer, die schlechter bezahlt werden als ihre Kolleginnen in gleichen Positionen, weil sie sich nicht gut zu verkaufen wissen.

Fiese Wahrheit: Im deutschen Durchschnitt werden Frauen deutlich schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Und auch jenseits vom Geschlecht sind Diskiminierungen gang und gäbe. Die Freundin meiner Tochter erzählte kürzlich, dass sie in der Schule über Berufswünsche gesprochen hätten. Ein Junge wollte Erzieher im Kindergarten werden. Die Lehrerin wies ihn zurecht: Das sei doch eher ein Job für Frauen! Immerhin: Aus der Klasse kam ein Sturm der Entrüstung.

Werden wir erfolgreich weiblicher, sind die Aussichten rosig.

So weiblich mein persönliches Lebensumfeld überwiegend auch sein mag: Der Gender-Pay-Gap gehört geschlossen! 30 Prozent Frauen in die Aufsichtsräte? Unbedingt! Gerade in der Geschäftswelt sind die Strukturen extrem verhärtet, da müssen wir Frauen und die Gesetzgebung mit schwerem Werkzeug ran.

Verführerische Angebote bei Amazon: Heute gibt’s den Schlagbohrer für die Hälfte.

Denn die Zeiten der netten Blicke, freundlichen Worte und geduldigen Hinnehmens sind vorbei. Misslingt uns die Transformation zu einer wirklich transparenten und gleichberechtigten Gesellschaft, fallen wir weiter zurück, im internationalen Vergleich und im Sinne unserer Vordenkerinnen. Werden wir aber erfolgreich weiblicher, sind die Aussichten rosig – für Mann und Frau gleichermaßen. Dafür lohnt es sich, weiterzudenken. Und aufzustehen. Jeden Morgen, nicht nur am Internationalen Weltfrauentag.


Verena Maas ist Filmemacherin und Gründerin der Medienproduktion tvist, die diesen Weblog betreibt.