Start SCHULE! #5: SCHULE! – Viele, viele bunte Lügen

#5: SCHULE! – Viele, viele bunte Lügen

KOLUMNE.

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Ein Lehrer verhört einen Schüler
Illustration: Samy Challah

Das Schlimmste am Lehrersein? Man wird permanent angelogen! Gibt es eine gesellschaftliche Gruppe, der häufiger die Unwahrheit aufgetischt wird als uns? Ich glaube nein – außer vielleicht Bild-Lesern. Aber die wollen es ja auch nicht anders.

Alle Welt redet über sie. Schließlich sind die Schulen die Zukunftslabore unserer Gesellschaft. Aber außer denen, die täglich dort sind, weiß kaum einer, was hinter den Schulmauern wirklich vor sich geht. In unserer Serie SCHULE! berichtet ein Lehrer aus seiner Alltagspraxis. Damit er das freimütig tun kann, behalten wir seine Schule und seinen Namen für uns.

In meinem letzten Durchgang war ein Schüler, der mich nie belog. Dachte ich jedenfalls. Seine Eltern sind Sozialhilfeempfänger. Für die Abschlussfahrt nach Berlin mussten sie einen Antrag auf Übernahme der Kosten stellen. Doch das Geld vom zuständigen Amt lasse auf sich warten, ließ mich mein Schüler wissen. Also streckte ich ihm die 100 Euro vor. Auf die Rückzahlung warte ich bis heute. Weder mein geschätzter Schüler noch die Eltern sind für mich telefonisch zu erreichen. Das Geld kann ich abschreiben. Wenigstens war’s eine schöne Klassenfahrt.

Eine meiner Schülerinnen ist eine notorische Lügnerin. Einmal wurde sie von einer Mitschülerin bezichtigt, ihr ihren allerliebsten Lieblingsstift gestohlen zu haben. Sie konnte ihn detailliert beschreiben, weshalb er bei der Beschuldigten einfach zu finden war. Diese schwor, den Stift zwei Tagen zuvor mit ihrer Oma gekauft zu haben. Starke Abnutzungsspuren sprachen allerdings gegen ihre Aussage. Ich rief die Großmutter an: Diese wusste von keiner Shoppingtour mit ihrer Enkelin. Und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, weshalb sich die schon häufiger überführte Schülerin immer wieder lieber Lügengeschichten ausdenkt, statt sich einfach zu entschuldigen?

Alles klar, Herr Kommissar?

Immerhin: Die vielen Lügen bringen Abwechslung in meinen Joballtag. So bin ich nicht nur als Pädagoge, sondern auch als Kommissar gefragt. Meine Verhöre sind gefürchtet. Irgendwann hat sich noch jeder im Kreuzfeuer meiner Fragen in seinen Lügen verzettelt.

Die notorische Lügnerin behauptete einmal, ein Mitschüler habe sie im Schwimmunterricht unsittlich berührt. Der Beschuldigte war klug gewählt: ein sehr körperlicher Junge, der ohnehin bereits im Ruf eines Grabschers stand. Sie schwor Stein auf Bein und nannte sogar Zeugen: ihren Cousin und ihre zwei besten Freundinnen.

Einige Stunden später lag der Fall offen. Das Gaunerquartett hatte sich nicht ausreichend gut abgesprochen, die Beschreibungen des Tatorts variierten ebenso wie die des Geschehens. Mal passierte es im Schwimmerbecken, mal im Nichtschwimmerbecken, mal im Gang zu den Duschen; mal tauchte der Übeltäter bei der Tat, mal schwamm er und mal lief er. Ein echter Multitasker!

Do the time warp!

Corona hat bisweilen übrigens sogar sein Gutes: Im Distanzunterricht konzentrieren sich die Schüler*innen besser auf den Unterricht. Ich gebe ihnen dann gern die Aufgabe, eine 45-Minuten-Einheit bei „Albas täglicher Sportstunde“ mitzuturnen. Alba ist der bekannte Berliner Basketball- und Sportverein. Die Trainer machen das super, total abwechslungsreich und mit viel Spaß. Das würde ich selbst niemals so gut hinbekommen. Vielen Dank, Alba!

Wenn die Schüler*innen fertig sind, schreiben sie mir und bekommen von mir ein paar schriftliche Aufgaben. Manche brauchen etwas länger, was ich gut verstehen kann. Auch ich muss das Video manchmal anhalten oder zurückspulen, weil ich eine Übung nicht sofort verstanden habe.

Andere aber sind besonders schnell. Manche sogar schneller, als die Zeit erlaubt. Eine besonders begabte Schülerin meldete sich einmal 23 Minuten, beim zweiten Mal sogar 19 Minuten, nachdem ich die Aufgabe gestellt hatte. Trotz meiner Verwunderung („Seit wann gibt’s Zeitreisen?“) blieb sie bei ihrer Darstellung. „Ich schwöre! Wenn Sie wollen, können Sie meine Mama anrufen. Ich habe das ganze Video geguckt!“ Wenn das Einstein wüsste …


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