Fanny's Fashion Friday

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Annelie "Fanny" Moraira stellt immer freitags auf fff.cologne interessante nachhaltige Initiativen aus der Modewelt vor.

Vom Kunden zur Clique: bewusst upcyclen

Richard Krings, Tina Lubitz und Manuel Krings von der Hehlerei Köln
Das Team der Hehlerei - Foto: Hehlerei

In einem unscheinbaren Hinterhaus an der Subbelrather Straße in Köln-Ehrenfeld befindet sich die Hehlerei. Das „Bündnis für textile Delikte“, wie es seine Betreiber selbst nennen, ist ein Modelabor, das vor allem im Business-to-Business-Bereich nachhaltige Modelösungen anbietet.

Das Grundprinzip der Hehlerei ist einfach: alles 100 Prozent Second Hand. Ausrangierte Kleidung wird umgenäht, neu zusammengestellt und verfeinert und erhält so ein zweites oder drittes Leben. Auf diese Weise entstehen Minikollektionen, Stage Outfits für Musiker und Schauspieler oder Merchandise-Artikel für Bands.

Ungehobene Schätze

Angefangen haben die drei Hehler Tina Lubitz, Manuel und Richard Krings in einem zwölf Quadratmetr großen Raum mit ihren eigenen Klamotten. Sie wollten ausprobieren, was man alles aus Kleidungsstücken machen kann, die seit Jahren ungenutzt im Schrank liegen.

Und so entwarfen sie, nähten um, erfanden neu. Nach und nach weiteten sie ihre Experimente aus auf Klamotten von Freunden und unternahmen erste Versuche mit Siebdruck. Das Unternehmen wuchs, es gab immer mehr Kleiderspenden, und die Hehler begannen, mit Musikern zusammenzuarbeiten und Merchandise-Artikel zu produzieren.

Seit Herbst 2019 nutzt die Hehlerei die aktuellen Räumlichkeiten. Geregelte Öffnungszeiten gibt es bisher nicht. Doch Regelmäßigkeit ist auch nicht das vorrangige Ziel. Ganz bewusst haben sich die Hehler gegen Ladenflächen im klassischen Sinn entschieden. Sie bevorzugen eine Art offene Werkstatt, die zugleich als Showroom dient.

In der Modebranche läuft vieles nicht richtig

Manuel Krings, Co-Founder der Hehlerei

„Wir wollen, dass dieser Raum als Anlaufstelle funktioniert“, sagt Co-Founder Manuel Krings. „Hier kann man zugucken, wie wir arbeiten, wie Siebdruck funktioniert, und natürlich Hehlerware ansehen und kaufen.“ Künftig sind auch Events geplant, etwa zu Themen wie Upcycling oder Kleidertausch.

Neben Merchandise und Minikollektionen bietet die Hehlerei Workshops im Bereich Capacity Building an, in denen die Macher Siebdruck- und Upcycling-Techniken vermitteln und mit den Teilnehmern die gesamte Wertschöpfungskette eines Kleidungsstückes durchgehen. In mehrtägigen Kursen entwerfen die Teilnehmer eigene kleine Kollektion mit Fotoshooting als krönenden Abschluss.

Wie kam es zu dem provokanten Namen? „Wir wollen darauf hinweisen, dass vieles in der Modebranche nicht richtig läuft“, antwortet Manuel. „Wir sagen mit unserem Namen: Wir machen uns selbst schuldig, weil wir ja auch Fast Fashion-Produkte verarbeiten. Wir machen hier bewusst keinen Unterschied, weil jedes schon hergestellte und aussortierte Teil eine zweite Chance verdient hat.“

Name und Konzept der Hehlerei sind eine Einladung an die Kunden, grundlegend über die Textilbranche nachzudenken. Manuel: „Wir kriminalisieren uns selbst und damit die ganze Branche. Es mag juristisch in Ordnung sein, was die großen Labels machen, aber ethisch ist es das nicht.“

Jedes fünfte Teil, das produziert wird, wird nicht getragen.

Die Hehlerei setzt sich betont von der Bezeichnung Fair Fashion ab. Ihre Ausgangsware ist Mode, die nicht mehr benutzt wird. „Man muss nicht immer alles neu produzieren, auch wenn es fair und öko ist“, sagt Manuel.

Das Prinzip, nur mit dem zu arbeiten, was sowieso schon da ist, stellt die Hehlerei vor manche Herausforderungen. So produzieren sie ausschließlich Unikate, was den Verkauf erschwert. Auch werden grundsätzlich alle Textilien verarbeitet, aber nicht jeder Stoff verhält sich gleich.

Deswegen legen die Macher großen Wert darauf, die Ideen mit den Kunden gemeinsam zu entwickeln. Daraus entsteht eine besonder Beziehung, Manuel spricht vom „Bandenprinzip“: „Kunden sind nicht einfach Kunden, sondern werden zu einem Mitglied der Clique.“


Neugierig? Die Hehlerei freut sich nicht nur über engagierte Kunden, sondern auch über Kleiderspenden jeglicher Art. Die Klamotten, die in der Hehlerei keine Verwendung finden, werden an ausgesuchte Spendenorganisationen weitergegeben, etwa den Verein Bürger für Obdachlose.

Aufgrund der Corona-Regelungen plant die Hehlerei im März und April 2020 keine Events. Dafür rotieren im Online-Store ab sofort ausgewählte Unikate der Hehlerei-Kollektionen. Für jedes verkaufte Teil wandert ein neues Unikat in den Store.

Darüberhinaus entwickeln die Hehler gerade einen Online-Service für Bands und Musiker*innen: den virtuellen Merch-Stand. Er soll Livestreams von Künstler*innen begleiten, unter anderem mit T-Shirt-Livedruck, und auf Fan-Wünsche eingehen. Die Hehler suchen dafür gerade Medien- und Streaming-Partner und hoffen auf einen Launch Ende März 2020.

Hier kommt Ihr zur Website der Hehlerei Köln.

Rent a dress!

Die Kleiderei in Köln Ehrenfeld
Lena Schröder vor der Kleiderei. Foto: Anna-Maria Langer

Klare Kante contra Konsumrausch: Die „Kleiderei“ betreibt professionelles Klamotten-Sharing. Kann das funktionieren?

Vier neue Kleidungsstücke pro Monat – für 29 Euro und solange man will. Klingt nach einem ziemlich guten Deal, oder? „Kleiderei“-Macherin Lena Schröder stellt sich mit ihrem Konzept gegen Fast Fashion von Primark, H&M und Co. Der Großteil ihre Angebote ist Second-Hand-Ware, aber auch ausgesuchte Neuheiten von Fair-Fashion-Labels finden sich im Sortiment.

Wem ein Kleidungsstück während des leihweisen Tragens ans Herz wächst, kann sich sogar für einen rabattierten Kauf entscheiden. Fehlkäufe gibt es auf diese Weise ebenso wenig wie Langeweile im Kleiderschrank. Konsumrausch ohne Kater.

Projekt zum Privatvergnüngen

Wie so viele neue Konzepte entstand die Kleiderei aus einer kleinen verrückten Idee. Die beiden Gründerinnen der Kleiderei Hamburg – Pola Fendel und Thekla Wilkening, gebürtige Kölnerinnen – lernten Lena Schröder während eines Praktikums bei deren nachhaltigem Modelabel kennen. Die drei jungen Frauen freundeten sich an. Fendel und Wilkening zogen zum Studium nach Hamburg und entwickelten dort die Idee für eine Kleiderbibliothek.

Was zunächst nur als Projekt zum Privatvergnügen gedacht war, wurde auch durch Schröders tatkräftige Unterstützung zu einem Konzept mit Geschäftspotential. Sie starteten einen Online-Kleiderverleih, der seit seinem Launch 2012 rasch an Popularität gewann und bundesweit Klamotten verlieh.

Von Online zu Offline

Die Idee „Leihen statt Kaufen“ von Klamotten gab es in Deutschland zuvor in dieser Form nicht – bestenfalls in Form des klassischen Kostümverleihs. Das Presse-Echo fiel dementsprechend riesig aus – und positiv. Lena Schröder beschloss, das Konzept auch offline auszuprobieren und eröffnete 2016 in der Venloer Straße in Ehrenfeld die „Kleiderei Köln“. Auch damit betrat sie absolutes Neuland. Einen Laden, in dem Alltagsklamotten ausgeliehen werden können, gab es zu diesem Zeitpunkt nirgends.

„Das erste Jahr war der Horror“, sagt Schröder. Im Nachhinein kann sie darüber lachen. Da die „Kleiderei“ eine völlig neue Idee war, konnte sie niemanden um Rat fragen. Den großen logistischen Aufwand, den das Konzept mit sich bringt, erkennen viele Kund*innen genauso wenig wie potenzielle Nachahmer. Jedes Kleidungsstück wird sorgsam ausgesucht, gewaschen, aufbereitet, katalogisiert und – bei Schäden – repariert.

Mittlerweile arbeitet Schröder mit ihrem Team an einer eigenen Software und bündelt ihr Wissen für ein geplantes Franchise-Projekt. Eine zweite Offline-„Kleiderei“ hat bereits in Freiburg eröffnet. Die Idee – sie funktioniert.

Konsum ohne Besitz

Eine riesengroße Herausforderung ist es laut Schröder, die Gewohnheiten der Kunden zu ändern. Die meisten der Laufkunden sind zwar sofort begeistert von der Idee, können sich aber das Prinzip für sich selbst nicht vorstellen. „Es muss erst mal Klick machen“, sagt Schröder. „Es geht alles sehr langsam, weil die Leute umdenken müssen.“

Es gibt so einen großen Textilüberschuss.

Lena Schröder, Kleiderei

Die Erkenntnis, dass man für den Mitgliedsbeitrag keine eigene Kleidung erwirbt, sondern das Recht, zu konsumieren ohne zu besitzen, muss sich erstmal in den Köpfen der Kunden festsetzen.

Für die Klamotten gibt es keine Rückgabefristen. Einmal ausgeliehen, darf ein Kleiderei-Kleidungsstück so lange im Kleiderschrank der ausleihenden Person bleiben wie diese will. Hat man sich am Kleidungsstück satt getragen, so kann man es zurückbringen und hat wieder Platz für was Neues im Schrank. „Es gibt einen so großen Textilüberschuss“, erklärt Schröder. „Diesen Überschuss zu verwalten, aufzubereiten und am Leben zu erhalten, das ist die Dienstleistung der Kleiderei.“

Aktuell veranstaltet die Kleiderei die Fasting Fast Fashion Challenge. Bis zum 9. April 2020 läuft die Aktion „Bring your best friend“: Neumitglieder, die zu zweit kommen, erhalten eine Gutschrift von 15€. Das gleiche gilt für Mitglieder, die neue Mitglieder werben.


  • Am 26. April 2020 veranstaltet die Kleiderei im Rahmen der Fashion Revolution Week ihre Kleidertauschparty SWAP IT! im M7173 in der Venloer Straße 474 in Köln-Ehrenfeld.
  • Wer noch mehr über die Kleiderei, bewussten Konsum und fashion sharing wissen will, kann seit neuestem auch die Radiosendungen der Kleiderei auf Dublab hören.  
  • Gut erhaltene Klamottenspenden werden gerne angenommen. Die Klamotten, die die Kleiderei nicht ins Sortiment nimmt, werden an ausgesuchte Wohltätigkeitsorganisationen weitergegeben.

Green Guerillas: Fair Fashion ohne Jute-Chic

Marlies Binder von Green Guerillas Foto: Green Guerillas
Foto: Green Guerillas

Mit den Green Guerillas starten wir unsere Serie über Mode aus Köln und für Kölner, die ihre Klamotten außer nach optischen auch nach nachhaltigen Kriterien auswählen.

Vor neun Jahren öffneten die Green Guerillas in der Roonstraße ihre Türen. Die Gründer Marlies Binder und Kai Tettenborn, beide absolute Quereinsteiger in der Modebranche, hatten genug davon, dass umweltbewusste Kleidung oft so unstylish daherkam. Mit ihrem Faible für Streetwear machten sie sich auf die Suche nach Labels, deren Kollektionen nicht „typisch öko“ aussahen und trotzdem sozial und ökologisch verantwortlich produziert waren. „Wir wollten zeigen, dass fair und Mode kein Entweder-Oder ist“, sagt Marlies Binder.

Mit der Eröffnung ihres ersten Ladenlokals erschlossen sie in Köln absolut unbekanntes Terrain, denn so etwas hatte die Stadt bis dato nicht gesehen. Offenbar brachten setzen die beiden eine echte Bewegung in Gang, denn seitdem ist die Auswahl an Concept Stores für faire Mode in Köln beachtlich angestiegen. Auch die Green Guerillas sind expandiert und betreiben heute drei Filialen: neben der Roonstraße eine in der Merowingerstraße in der Kölner Südstadt sowie eine in Düsseldorf-Flingern.

Naturfasern für städtische Styler

Die Expansion hat am Konzept nichts geändert. In den mit viel Liebe zum Detail eingerichteten Läden findet sich individuelle Street- und Officewear von rund 25 Labels aus Deutschland und Europa. Tettenborn und Binder suchen ihr Sortiment mit großer Sorgfalt aus und verkaufen ausschließlich Produkte, die mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) zertifiziert sind. Dieses Zertifikat stellt hohe ökologische und soziale Anforderungen an die gesamte textile Produktionskette und ist ein weltweit anerkanntes Textilsiegel. Dementsprechend bestehen die Kollektionen hauptsächlich aus Naturfasern, recycelten Materialien und nachwachsenden Rohstoffen.

Hinweise auf bevorstehende Aktionen und Bilder von den aktuellen Kollektionen findet ihr auf facebook und instagram.