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Drei Efffs für ein Halleluja!

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    Colabor fff.cologne Verena Maas Sebastian Züger Köln
    Die zwei mit den drei Efffs: Verena Maas, Sebastian Züger

    Wir sind ganz schön außer Atem. Schließlich haben wir versprochen, am 29. Februar 2020 zu launchen. Die Chance, an einem solchem Datum ans Licht der Welt zu treten, hat man schließlich nicht allzu oft – alle vier Jahre, um genau zu sein. Und nochmal so lange wollen wir nicht warten.

    Nicht nur wir, die ganze Welt ist außer Atem. Syrienkrieg, Corona-Epidemie und immer wieder Trump Trump Trump sind die Themen, die am Tag unseres Webreleases die Nachrichten-Portale bestimmen. Die Analogie vom globalen Dorf – noch nie war sie so wahr wie heute. Fällt in China der sprichwörtliche Sack Reis um, spüren wir den Windhauch auch hier in Köln.

    Global. Lokal. Nicht egal.

    Die Klimaveränderung ist ein globales Phänomen und als solches schwer zu greifen. Die Katastrophe – sie droht, uns zu überwältigen. Wenn wir wissen wollen, was sie konkret für uns hier in Köln bedeutet, müssen wir uns die handfesten Informationen mühsam zusammen googlen. Die lokalen Medien machen zwar durchaus ihren Job, auch die Stadtverwaltung, Unternehmen und die einzelnen Initiativen mühen sich, die Öffentlichkeit zu informieren. Doch eine Anlaufstelle, die online alle relevanten Infos, Akteure und Ereignisse zu Klima- und Nachhaltigkeitsthemen in Köln bündelt, haben wir bisher nicht gefunden.

    Drei Fragen wollen wir auf fff.cologne immer wieder neu beantworten:

    1. Wie konkret ist der Klimawandel tatsächlich hier bei uns vor der Haustür?
    2. Was kann ich als Individuum praktisch tun, um meinen Beitrag für den Erhalt unserer Umwelt zu leisten?
    3. Was tun andere hier in Köln? In Politik und Bürgerschaft, in Verwaltung und Wissenschaft, dafür oder dagegen?

    Freilich ist in unserem kleinen Weblog noch längst nicht alles so, wie wir es wünschen. Vor allem wünschen wir uns noch viel mehr Geschichten, die zeigen, wie vielfältig das Engagement für Nachhaltigkeit, Natur- und Klimaschutz in Köln schon jetzt ist.

    Aber wir können ja auch nicht alles gleichzeitig erzählen. Deshalb fangen wir mit unserem kleinen Team jetzt einfach mal an. Und hoffen, mit Eurer Unterstützung noch lange weitermachen zu können.

    Eine Anschubfinanzierung für das Projekt haben wir von der Klimaschutzstelle der Stadt Köln im Rahmen von Smartcity Cologne erhalten. Unser Ziel ist eine dauerhafte Finanzierung durch weitere Fördermittel und Sponsoren: Vollzeit for Future!

    Foodsharing de luxe

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      Die iPhone- und Android-App „To Good To Go“ rettet hochwertige Lebensmittel vor dem Abfalleimer und spart so tonnenweise CO2.

      Allein schon die Namen! „Cannoli siciliani“, „Cornetti“, „Bomboloni“, „Genovesi“, „Cartoccio“ … All diese italienischen, speziell sizilianischen Leckereien wären in der Mülltonne gelandet und nicht in meinem Magen. Stattdessen packt mir Angelo Tardino, der Chef der Caffetteria il Vico, das wohlschmeckende Gebäck in meine mitgebrachten Plastikboxen – für nicht mal den halben Preis. Und ohne „Too Good To Go“ hätte ich das kleine Café in Nippes – liegt es auch nur wenige hundert Meter von meinem Zuhause entfernt – vielleicht nie betreten.

      Die App bietet Zugang zu einer Art Luxusvariante von Lebensmittelrettung. Während Foodsharing üblicherweise komplett ehrenamtlich funktioniert und den Nutzer gar nichts kostet, bietet Too Good To Go einen Kompromiss: mehr Verbindlichkeit und Neuentdeckungen für kleines Geld.

      Genuss vor Ladenschluss

      Die App vermittelt zwischen Restaurants, Imbissen, Cafés, Supermärkten, Bäckereien, Metzgereien, Tankstellen und Hotels auf der einen und Kunden auf der anderen Seite. Die Betriebe schätzen ab, wie viele Portionen aus ihren Auslagen und von ihren Büfetts übrig bleiben werden. Über die App können registrierte Nutzer diese Überbleibsel reservieren, per Paypal oder mit Kreditkarte bezahlen und zu einer festgelegten Zeit abholen, meist kurz vor Ladenschluss. Too Good To Go finanziert sich über eine kleine Provision, die bei jeder verkauften Portion anfällt.

      fff To Good To Go
      Da lacht die Lunchbox. Foto: Züger
      fff To Good To Go Köln

      Ganz genau weiß man vorher nicht, was einem die Mitarbeiter vor Ort in die mitgebrachten Dosen oder in die vorbereiteten „Wundertüten“ packen. Aber die App bietet eine „Das sagen andere User“-Bewertung der Anbieter. Nutzer vergeben bis zu fünf Sterne, benoten Service, Qualität und Portionsgrößen.

      Kategorisch sortiert

      Außerdem gibt’s die Kategorie „Inhaltsstoffe & Allergene“, die allerdings oft nicht aussagekräftig ist. Meist steht dort nur der freundliche Hinweis, man möge bei Bedenken direkt im Laden nachfragen.

      Apropos Kategorien: Die Angebote sind in Gruppen sortiert. Ganz oben stehen „Empfehlungen für dich“, ganz unten „Deine Favoriten“, die der Nutzer selbst festlegen kann. Weiterhin sieht man Angebote für Mittag- und Abendessen sowie „Das könntest du mögen“-Empfehlungen. Backwaren, Lebensmittel und Vegetarisches werden einzeln aufgelistet, Speisen zum sofortigen Verzehr oder mit der Abholzeit am nächsten Tag. Und auch solche, die man „gerade verpasst“ hat – fürs nächste Mal.

      Die Homepage, über die die App heruntergeladen werden kann, listet auf, was die Lebensmittelrettung zum Mitnehmen bislang gebracht hat. Aktuell sind es gut 35 Millionen gerettete Mahlzeiten. Das entspricht 88.000 Tonnen Kohlendioxid. Essen fürs Klima – wenn’s doch immer so einfach wär‘!


      Zur Website von To Good To Go

      Ähnlich, aber anders:

      Vom Fenster aus für eine bessere Welt

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        Fashion Revolution Week, Earth Day und Globaler Klimastreik: Bis Sonntag, 26. April 2020, erleben wir eine Woche der Online-Proteste.

        Zu Hause bleiben und trotzdem (klima-)politisch aktiv sein? Gar nicht so einfach. In der aktuellen Woche vom 20. bis 26. April 2020 aber gibt es gleich mehrere Möglichkeiten dazu: die Fashion Revolution, der Earth Day und der Globale Klimastreik. Positiv ausgedrückt: Es war nie leichter zu demonstrieren. Du musst dazu nicht einmal die Couch verlassen – es geht sogar im Schlafanzug. Der Nachteil allerdings: Damit fällt auch die letzte Ausrede flach, nicht dabei zu sein.

        20. bis 26. April: Fashion Revolution Week

        Online-Klimaaktionen in Köln: Fashion Revolution Week
        Kampagnenslogans wie dieser finden sich zum kostenlosen Download auf www.fashionrevolution.org

        An jedem Tag der Woche sollen Zeichen gesetzt werden gegen Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung in der Modeindustrie. Das Datum hat einen tragischen Hintergrund: Es erinnert an den 24. April 2013, als in Bangladesch ein Gebäudekomplex mit mehreren Textilfabriken einstürzte und 1138 Menschen zu Tode kamen.

        Zum Dresscode gehört es, mindestens ein Kleidungsstück auf links anzuziehen und mit einem Hinweis auf die Fashion Revolution Week zu versehen. Das geht auch auf dem Weg zum Supermarkt oder zur Arbeit, beim Joggen oder Spaziergehen.

        Damit Nicht-Eingeweihte die Aktion erkennen, lässt sich das Outfit um ein selbst gemaltes oder gesticktes Demoschild ergänzen; oder um einen Aufnäher: Der ökofaire Modeladen Kiss The Inuit – der übrigens bis Ende April 2020 Jeans sammelt, um daraus Köln-Sweater zu fertigen – will dazu am Freitag, 24. April, ab 15 Uhr eine Anleitung ins Netz stellen.

        Online-Klimaaktionen in Köln: Fashion Revolution Week
        Näherin in einer Textilfabrik in Dhaka, Bangladesch. Foto: Gisela Burckhardt/Femnet e. V.

        Kampagnen-Slogans – auch für die Sozialen Medien – kannst du hier hier kostenlos herunterladen. Ein Bild oder eine Story von dir postest du dann bei Instagram und Facebook mit den Hashtags#FashRevCologne, #FashionRevolution, #WhoMadeMyClothes.

        Am Wochenende wird getanzt: Von Freitag bis Sonntag, 24. bis 26. April, jeweils um 16 Uhr, soll jede und jeder mitmachen. Am offenen Fenster, auf dem Balkon oder unterwegs, zu einem Lied eigener Wahl. Unsere Vorschläge: „Fashion“ von David Bowie oder „Tanz die soziale Distanz“ von Theodor Shitstorm.

        Wichtig auch hier: versammeln verboten! Aber dafür umso mehr Bilder und Videos in die Sozialen Medien stellen: #DanceForSlowFashion.

        21./22. April: Earth Day

        Online-Klimaaktionen: Earth Day
        Parachutes For The Planet bei einer FFF-Demo in Aachen 2019. Foto: Sandra Prüfer

        Auch der Earth Day fällt in diese Woche. Der Tag der Erde wird weltweit am 22. April 2020 begangen und soll die Wertschätzung für die natürliche Umwelt stärken – in diesem Jahr bereits zum 50. Mal. Die Bonner Umwelt-Networking-Gruppe Green Drinks feiert diesen Special Earth Day schon einen Tag früher, und zwar am Dienstag, 21. April, um 19 Uhr. Mit einem virtuellen Zoom-Meeting mit Vorträgen, Poetry Slam und Live-Musik, an dem alle Interessierten von ihren Rechnern oder Smartphones aus teilnehmen können.

        Als Special Guest der digitalen #EarthRise-Party wird Barton Rubenstein dabei sein. Der Künstler, Wissenschaftler und Umweltaktivist hat 2015 die Non-Profit-Organisation Mother Earth Project mitgegründet. Er berichtet von der bevorstehenden Installation einer von ihm gestifteten Mother Earth Sculpture – der ersten in Europa – an der Bonner Rheinufer-Promenade und der Idee dahinter.

        Online-Klimaaktionen: Earth Day
        Visualisierung der Mother Earth Sculpture am Bonner Bogen. Foto: Jörg Haas/Barton Rubenstein

        Es gibt eine Online-Präsentation des Kunstprojekts Parachutes for the Planet, bei dem es darum geht, Spiel-Fallschirme bunt zu bemalen – als eine Metapher zur Rettung der Erde. Bislang haben sich daran Schulen und Umweltgruppen in 73 Ländern auf sechs Kontinenten beteiligt, darunter 20 aus Bonn. Die wurden im vergangenen Jahr bei Fridays-for-Future-Demos durch Bonn und Aachen getragen.

        Zudem stellt Filmemacherin Johanna Jaurich (fechnerMedia) ihr Filmprojekt „Fridays – It’s our Future“ vor. Die Doku, die per Crowdfunding finanziert wird, berichtet von der Entwicklung der FFF-Bewegung. Sieben Jugendliche, die in besonderem Maße von den Problemen der heutigen Zeit betroffen sind, geben Einblicke in ihren Alltag in Europa, Asien, Ozeanien, Afrika, Nord- und Südamerika.

        Klimaaktionen: Doku mit Luisa Neubauer
        Szene aus der Doku „Fridays – It’s our Future“ mit Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer. Foto: fechnerMedia

        Üblicherweise finden die offenen Vereinstreffen an jedem zweiten Dienstag im Monat an wechselnden Orten im Bonner Stadtgebiet statt. Hier gibt’s mehr Infos. Das Online-Meeting ist für Teilnehmer kostenfrei. Nach der Registrierung über Eventbrite erhält man ein Passwort für den Zoom-Zugang. Wer neu bei Zoom ist, kann schon um 18.45 Uhr beitreten und erhält eine kurze technische Einführung.

        24. April: Globaler Klimastreik

        Der Höhepunkt der Woche ist der Globale Klimastreik am Freitag. „Jetzt entscheidet sich, wie die Welt nach Corona aussehen wird: klimafreundlich oder voller dicker Autos“, heißt es dazu bei Fridays for Future. Geplant ist die größte Online-Demo aller Zeiten – mit Netz- und Fensterstreik sowie mehreren Live-Streams.

        Zum Fensterstreik gehört übrigens doch, dass Aktivisten auf die Straßen gehen, allerdings ohne dabei gegen die Corona-Regeln zu verstoßen: Zu zweit werden zusammenlebende Menschen auf Lastenrädern durch Köln fahren und Stimmung machen.

        Wer wenigstens ein eigenes Demoschild dabei sein lassen will, kann das machen. Die Schilder werden am Freitag am Alter Markt ausgestellt und danach für eine Kunstaktion verwendet. Es gibt mehrere Sammelstellen, die die Schilder bis Mittwoch, 12 Uhr, annehmen. Bisher gehören dazu:

        Online-Klimaaktionen in Köln: Globaler Klimastreik
        Zum Streiken ans Fenster: Für ein anderes System. Foto: Zero Waste Köln

        Alle anderen können die Demo von ihren Fenstern aus lautstark unterstützen. Oder ins Internet gehen. Um 12 Uhr beginnt die Online-Demo von Fridays for Future auf deren Youtube-Kanal – mit Livemusik und Reden von Aktivistinnen und Aktivisten wie Greta Thunberg.

        Auch Fridays for Future Köln bietet auf seinem Youtube-Channel ein zweistündiges Live-Programm mit Infos und Unterhaltung. Los geht’s um 14 Uhr. Den ganzen Tag über läuft der Netzstreik.

        Unter den Hashtags #netzstreikfürsklima, #climatestrikeonline und #UniteBehindTheScience2404 sollen alle Bilder von ihren Demoschildern, Bannern und sonstigen Aktionen posten, um zu zeigen, dass sie auch in Zeiten von Corona gegen den Klimawandel kämpfen. Jetzt erst Recht!

        „Wir dürfen die Klimakatastrophe nicht aus den Augen verlieren.“

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          Ein Videoclip geht viral: Promis wie Rike Schmid, Jan Delay und Rezo rufen dazu auf, GermanZero zu unterstützen. Die Initiative will Deutschland bis 2035 Klima-neutral machen. Im Interview erklärt Sabine Jankowski – zuständig für Kooperationen und Fundraising – wie du dich vor Ort für das bundesweite Projekt engagieren kannst.

          Worum geht’s bei GermanZero?

          SABINE JANKOWSKI: Wir wollen, dass die Bundesregierung ihr 1,5-Grad-Ziel, das 2015 in Paris vereinbart wurde, einhält. Dazu hat GermanZero 2019 im engen Austausch mit Dutzenden Experten und Wissenschaftlerinnen die Grundzüge eines wirksamen, fairen Maßnahmenpakets entwickelt, wie Deutschland die 2015 in Paris vereinbarten Klimaschutzziele einhalten kann, den 1,5-Grad-Klimaplan. Diese Vorlage übersetzt GermanZero 2020 mit Juristinnen und Fachleuten in einen tragfähigen Entwurf für ein 1,5-Grad-Klimagesetz. Mit Hilfe tausender Freiwilliger und einer bundesweiten Kampagne soll der Gesetzesentwurf 2022 durch den neuen Bundestag gebracht werden. Zusätzlich startet GermanZero noch in diesem Jahr eine Welle kommunaler Klima-Entscheide. Auf lokaler Ebene werden in zahlreichen Städten Bürgerbegehren auf den Weg gebracht. Das Ziel: Deutschland Stadt für Stadt in zehn Jahren Klima-neutral zu machen.

          Das spielt in der ganz großen Politik in Berlin. Was kann ich denn hier in Köln dazu beitragen?

          SABINE JANKOWSKI: GermanZero versteht sich als Initiative, die Druck von unten auf die Politik aufbauen will. Ein ähnliches Vorgehen hat einer unserer Gründer, Heinrich Strößenreuther, schon mit dem „Volksentscheid Fahrrad“ in Berlin initiiert und damit für Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz gesorgt. Wie bei jeder erfolgreichen Kampagne sind wir auf ehrenamtliche Unterstützung durch Menschen angewiesen, die auf breiter Ebene diesen Druck mit uns aufbauen, Aktionen umsetzen oder ihr Fachwissen einbringen. Darüber hinaus gibt es aber auch zahlreiche andere Möglichkeiten mitzuhelfen. Wer sich einbringen möchte, kann sich über das Mitmach-Formular auf unserer Website bei uns melden.

          Wir wollen weiter wachsen!“

          Sabine Jankowski

          Das klingt nach einer Menge Aufbauarbeit. Wie weit seid Ihr damit schon?

          SABINE JANKOWSKI: Derzeit besteht GermanZero aus einem Team von 15 festen und mehr als 1000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir wollen in den nächsten Wochen und Monaten weiter wachsen, um unsere Ziele erreichen zu können. 

          Sabine Jankowski German Watch
          Sabine Jankowski, Fundraiserin bei GermanZero. Foto: Magdalena Lepka

          Wie finanziert Ihr diesen Aufwand?

          SABINE JANKOWSKI: Wir sind ein gemeinnütziger Verein, wir decken unsere Kosten allein durch Spenden. Die Corona-Krise hält natürlich auch GermanZero in Atem. Umso wichtiger ist es für uns, dass wir die noch sehr viel größere weltweite Bedrohung durch die Klimakatastrophe nicht aus den Augen verlieren. Jetzt benötigen wir dringend Geld, damit die Arbeit professionell und zügig weitergehen kann. Deshalb sind wir derzeit für jede finanzielle Unterstützung dankbar.


          Zur Website von GermanZero.

          Für Europa – und für die Umwelt

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            Kundgebung von Pulse of Europe Köln am Roncalliplatz, 5.11.17
            Fotos: Düppengießer (8), PoE Köln (1)

            Lange Zeit ging an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr die Sonne hinterm Dom auf. Eigentlich immer, wenn die Kölner Abordnung der Bewegung Pulse of Europe zu ihrem Treffen lud, klärte sich der Himmel auf und präsentierte sich in der Farbe, die am besten zu so einer proeuropäischen Initiative passt: in strahlendem Blau.

            Zwar haben sich 2020 die Ausnahmen gehäuft. Zweimal ließ Corona die übliche Versammlung platzen, ein paar Male regnete es. Und sowohl im Juni als auch im Juli tagte die Demoreihe erst am zweiten Sonntag. Dennoch bleibt es eine gute Idee, sich den regelmäßigen Demos anzuschließen. In dieser „blauen Stunde“ sprechen mehr oder weniger prominente Menschen zu einem Thema mit Europabezug. Meist bleibt auch Zeit für das Offene Mikrofon mit Wortmeldungen aus dem Publikum. Traditionell gibt es ein musikalisches Beiprogramm, die „Ode an die Freude“ mit Menschenkette ist als Abschluss fest im Programm.

            Bei der nächsten Kundgebung am Sonntag, 12. Juli 2020, ab 14 Uhr (hier alle Infos) spricht ein Vertreter von Kölle for Future, einem Bündnis verschiedener Organisationen wie Fridays for Future und Parents for Future. Ein Wirtschaftswissenschaftler von Pulse of Europe Düsseldorf wird die gerade begonnene deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit Blick auf den Green Deal analysieren. Das Norbert-Gymnasium Knechtsteden stellt das Umweltprojekt „Auf der Arche um 5 vor 12“ vor, bei dem es zwei Jahre lang mit Partnerschulen aus Lettland, Italien, Norwegen, Rumänien und Polen zusammenarbeitet.

            In erster Linie richten sich die Treffen nicht – wie andere Demonstrationen – gegen einen akuten Missstand. Es geht darum, „den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar zu machen“, wie es in den „Zehn Grundsätzen“ der überparteilichen und parteiunabhängigen Bewegung heißt. „Wir sind überzeugt, dass die Zahl der Menschen, die der europäischen Idee positiv gegenübersteht, größer ist als die Zahl der Gegner.“

            Umweltprobleme auf europäischer Ebene lösen

            Das Bewusstsein wächst, dass Klima- und Umweltschutz auch im europäischen Zusammenhang eine steigende Bedeutung zukommt. „Dieses Europa ist die Ebene, auf der die wichtigen Zukunftsfragen angegangen werden können, die auf nationalstaatlicher Ebene nicht zu lösen sind“, sagt Stefan Bildhauer. Er leitet das International Office der Kölner Universität und ist Mitglied im Organisationsteam von Pulse of Europe Köln. Man wolle die Bühne bilden und Gesprächssituationen herstellen, „um diese Themen aus der europäischen Perspektive gemeinsam zu diskutieren“.

            Die monatliche Versammlung ist das öffentliche Aushängeschild von Pulse of Europe, aber vieles passiert auch im Hintergrund. Vom „Hausparlament“, bei dem sich vier und acht Menschen im privaten Rahmen treffen, um sich über europäische Fragen auszutauschen, bis zum Programm „Europa ist deine Zukunft“ mit Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse.

            So voll wie im September 2017 wird es nicht immer bei den Kundgebungen.

            Pulse-of-Europe-Kundgebungen finden europaweit am ersten Sonntag des Monats statt, in Köln erstmals am am 5. Februar 2017 – noch direkt vor dem Hauptbahnhof. Wegen des großen Zuspruchs musste die Demoserie bald auf die andere Domseite wechseln. „Zwischenzeitig, vor den wichtigen Wahlen in den Niederlanden oder Frankreich und vor den Europawahlen, sind bis zu 3500 Menschen gekommen“, erinnert sich Bildhauer. Zuletzt habe sich die Zahl bei 250 bis 300 Teilnehmern eingependelt.

            Kreidekreuze, um den Mindestabstand einzuhalten

            Corona macht seit Monaten viele Veranstaltungen unmöglich. Im April etwa mussten Fashion Revolution Week, Earth Day und Globaler Klimastreik ins Internet umziehen, aus öffentlichen wurden Online-Proteste. Auch die Critical Mass Köln trifft sich eigentlich an jedem letzten Freitag im Monat zu einer „Protestfahrt“: Hunderte, oft gleich Tausende Radler fahren durch die Stadt, um „auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen“. Zu Coronazeiten fallen die Touren aus.

            Pulse of Europe Köln hat die Kundgebung im April abgesagt, die im Mai fand nur als Youtube-Video statt. Seit Juni aber geht es weiter. Maskenpflicht gilt sowieso. Damit auch die übrigens Hygiene-Vorgaben beachtet werden, machen die Veranstalter etwas, was bei Demonstrationszügen wenig bringen würde: Sie malen Kreidekreuze auf den Boden, an denen sich die Teilnehmer orientieren können, um den Mindestabstand einzuhalten.

            Mit diesen Vorgaben ist auch die Versammlung am Sonntag, 12. Juli 2020 möglich. Schwerpunkt ist der „Green Deal“. Nach diesem Konzept soll die Europäische Union bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und damit als erster Kontinent klimaneutral werden.

            Im Mai 2017 bauten die Teilnehmer auf dem Roncalliplatz symbolisch eine Kartonmauer auf und rissen sie ein.

            Bislang standen Umweltthemen nicht derart prominent auf der Agenda. In den „Grundsätzen“ werden sie nicht ausdrücklich erwähnt, waren eher implizit mitgemeint. „Aber auch schon auf früheren Veranstaltungen ist das Thema Klima- und Umweltschutz zur Sprache gekommen. Eben weil es einer gemeinsamen europäischen Lösung – und Vorbildfunktion – bedarf“, sagt Stefan Bildhauer. So sprachen beispielsweise schon eine Vertreterin von Fridays for Future und Harald Rau, der Sozial- und Umweltdezernent der Stadt Köln, vor den Demonstrierenden.

            Mehr Einsatz im Klima- und Umweltschutz gefordert

            Den Green Deal hat die Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen ausgearbeitet. Aber nicht nur deswegen wird das Thema künftig noch stärker in den Vordergrund treten. Der Wunsch dazu kam auch aus den Reihen der Teilnehmer. Im Mai veranstaltete Pulse of Europe Köln eine Umfrage. Auf die Frage, wo die Europäische Union ihr Engagement steigern solle, wurde am häufigsten der Klima- und Umweltschutz genannt. „Die Befragten fordern von der EU – trotz Corona-Krise und massiven wirtschaftlichen Einbrüchen – in allererster Linie mehr Einsatz für den Kampf um den Klima- und Umweltschutz“, fasste es Bildhauer zusammen.

            „f“ wie … „Freie Mitarbeit“

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              Mach auch Du Geschichten aus Köln sichtbar!

              Du hast Kapazitäten frei und willst Dich für eine gute Sache ehrenamtlich einbringen? Du interessierst Dich dafür, was in Köln in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bereits passiert? Du kennst Menschen, die bereit sind, sich für ihre politischen Interessen einzusetzen und ihre Meinung kund zu tun? Du wolltest schon immer Teil einer gut gelaunten Redaktion sein? Wenn Du bei der nächsten Tiefenmeditation mindestens eine der vier genannten Fragen mit einem überzeugten „Ja, vielleicht“ beantworten kannst, bist Du unsere Frau, unser Mann, unser Divers!

              Wir von fff.cologne vergrößern uns und erweitern das Redaktionsteam. Wir suchen Mitarbeiter*innen, die schreiben, filmen und/oder podcasten wollen. Dabei können wir uns gut vorstellen, dass Du in Eigenregie mit beispielsweise einem Beitrag pro Woche dabei bist. Momentan sind das hauptsächlich Beiträge in Textform, bald sollen Filme, Podcasts und Fotostrecken unser Œuvre erweitern.

              Was sind Deine Themen?

              Deine eigenen Format- und Themenvorschläge sind herzlich willkommen. Wir haben selbst eine Liste voller Ideen, die Du mit uns zusammen recherchieren und ausarbeiten kannst – online und offline. Von uns bekommst Du fundiertes Feedback und bei Bedarf fachliche Anleitung. Wir alle haben unser Handwerk von der Pieke auf gelernt und geben unser bescheidenes Wissen gerne weiter.

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              Energie-sparend von unterwegs arbeiten: we <3 DIY
              Foto und Laptop: Rocco Steuns

              Bei der redaktionellen Arbeit kommst Du mit Menschen und Initiativen in Köln zusammen, die schon jetzt mit viel Power und Fantasie Neues möglich machen. Und gute Ideen sind ja bekanntlich ansteckend.

              Jetzt kommt die weniger gute Nachricht: Wir sind in der Aufbauphase und haben nur wenig Budget. Die nächste Förder-Runde steht Ende April an. Bis dahin können wir für Eure Mitarbeit kein Geld bezahlen, denn auch unser eigener redaktioneller Einsatz ist derzeit ehrenamtliches Engagement. Wenn Du Dir trotzdem vorstellen kannst, Teil unserer Redaktion zu werden und den Aufbau von fff.cologne zu unterstützen, freuen wir uns umso mehr über eine aussagekräftige Email von Dir!

              Herzlich,
              Verena, Annelie und Sebastian

              Ecohopping: ein Tag Köln in Grün

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                Olivér Szabo mit dem Eco-Hopping-Plakat
                Olivér Szabo von Ecohopping. Foto: Susanne Sgrazzutti

                Einen ganzen Tag lang dreht sich beim ersten Ecohopping in Köln alles um umweltfreundliches Einkaufen und schlaue Alternativen zu immer mehr Konsum. Am Samstag, 22. August 2020, locken mehr als 90 Geschäfte mit einem besonderen Programm. Unsere Autorin Annelie Moreira sprach vorab mit Veranstalter Olivér Szabó.

                Mit ihren Veedelstouren zu nachhaltigem Konsum ist Olivér Szabós Eventfirma greencentive schon länger in Köln aktiv. Olivér sieht aber auch die Grenzen dieses Angebots: „Wenn man wirklich was bewegen und viele Menschen erreichen will, dann muss man größer sein.“ Mit umfangreich angelegten Öko-Events ist es jedoch so eine Sache: Je nach Initiator erreichen sie entweder nur ein ohnehin schon eingeweihtes Nischenpublikum; oder sie laufen Gefahr, als Greenwashing-Veranstaltung missverstanden zu werden.

                Beim Ecohopping hat Olivér deshalb sehr darauf geachtet, mit wem er kooperiert. „Ich wollte bewusst die Mitte der Bevölkerung ansprechen, und zwar besonders Leute, die noch nicht alles kennen und offen dafür sind, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen.“ Die neue Veranstaltung präsentiert Geschäftsleute, die sich nicht dafür schämen, mit nachhaltigen Ideen Geld zu verdienen. Und ist gleichzeitig ein Forum für Initiativen, die Alternativen zum immer weiter wachsenden Konsum-Wahnsinn aufzeigen.

                Nachhaltig nachhaltig

                Olivér putzte monatelang Klinken, um Begeisterung für seine Idee zu wecken. Die Mühe hat sich gelohnt: Die positiven Rückmeldungen übertrafen seine Erwartungen. Das Programmheft des Ecohopping ist für ihn wie ein „grüner City-Guide, der den Leuten auch nach dem Event etwas nutzt – und das ist ja auch nachhaltig“. Darin finden sich beispielsweise Siebdruck-Manufakturen, Zero Waste Workshops, Upcycling-Initiativen oder Möbelmanufakturen.

                Die Breite des Angebot hat selbst Olivér überrascht. „Wir haben hier zum Beispiel vier Naturbaumärkte. Ich wusste vorher gar nicht, dass es sowas überhaupt gibt!“

                Köln, Stuttgart, überall

                Das Ecohopping in Köln am 22. August 2020 ist der Startschuss. Olivér hat große Pläne: „Ich liebe es, Leute miteinander in Verbindung zu setzen.“ So wird es die Veranstaltung demnächst auch in Stuttgart und weiteren Städten Deutschlands geben. Und in der Folge – wenn alles klappt wie erhofft – in ganz Europa.


                Mehr Informationen zum Ecohopping sowie das Programmheft zum Download findet ihr auf der Website des Ecohopping.

                Plastik recyclen und Kaffee trinken

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                  fff.cologne Klima Köln NAchhaltigkeit Plastic2Beans
                  alles im Flow?

                  Wer sagt eigentlich, dass Weltretten nicht auch gut schmecken, wach machen und finanziell attraktiv sein kann? Das Kölner Startup Plastic2Beans bringt Kunststoffrecycling nach Äthiopien und kauft direkt vor Ort Kaffee ein, der Kölner Unternehmer wach macht.

                  Die Gründer von Plastic2Beans sind drei junge Wissenschaftler aus Köln: Abiye Dagnew, Kunststofftechniker, Dr. Kalie-Martin Cheng, Polymerchemiker, und  Dr. Thomas Tam Giang, Marketingspezialist. Ihr Unternehmen will die Entwicklungszusammenarbeit und nachhaltigen Handel in Mittelpunkt stellen.

                  Mit dem Erlös in der lokalen Währung Birr werden Kleinbauern-Kooperativen in Äthiopien unterstützt und hochwertige Kaffees direkt nach Deutschland importiert und gezielt an Unternehmen verkauft.

                  Am Anfang war ein Paar Schwimmflügel

                  Alles begann vor ein paar Jahren in Köln, als sich Abiyes Sohn von Kalies Tochter ein paar Schwimmflügel auslieh. So lernten sich die Eltern kennen.

                  Kalie hatte sich schon länger damit beschäftigt, wie man einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoffen umsetzen kann. Abiye erzählte Kalie von der schwierigen Situation in Äthiopien. Gemeinsam riefen sie Plastic2Beans ins Leben und banden nach und nach immer mehr Freunde mit ein.

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                  Das Team von Plastic2Beans: schlaue Leute mit guten Zielen

                  Mittlerweile besteht ein reger Austausch mit dem Botschafter von Äthiopien. Beim Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsforum NRW waren die Gründer von Plastic2Beans als Speaker geladen, ebenso bei Foodhub NRW.

                  Was die jungen Unternehmer antreibt, ist die Überzeugung, mit vereinten Kräften in Köln und Äthiopien etwas Sinnvolles in Gang setzen zu können. In Äthiopien werden momentan pro Jahr etwa drei bis sechs Milliarden PET-Flaschen neu (!) produziert, Recycling-Systeme gibt es so gut wie keine. Die wertvollen Rohstoffe werden also von Äthiopien ins Ausland verkauft, um recycelt werden zu können. Für die äthiopische Wirtschaft wäre Recycling im eigenen Land ein riesiger Gewinn und ein Wirtschaftssektor, den es aus Sicht von Thomas Tam Giang zu unterstützen gilt: „Es fehlt nur ein technologischer Schritt, um Recycling von PET komplett durchzuführen“, sagt Giang. „Es wird ja Plastik gesammelt, aber weiterverkauft anstatt wiederverwertet zu werden.“

                  From Bottle to Bottle

                  Plastic2Beans plant die erste PET-Recyclinganlage Äthiopiens und führt dazu derzeit eine Machbarkeitsstudie durch. Mittlerweile hat das Startup einige Kooperationspartner gefunden: deutsche Abfallunternehmen, die ein „from-bottle-to-bottle“-Recycling-System in Äthiopien mit aufbauen wollen.

                  Köln ist für Plastic2Beans ein interessanter Ort. Die StartUp-Szene in der Stadt und in ganz NRW wächst rapide. „Die Kooperation mit Zero Waste Köln, die Unterstützung durch das NRW-Gründerstipendium und die weitreichende Förderlandschaft sind für uns sehr fruchtbar“, sagt Giang. Auch vom Social Impact Lab und der IHK zu Köln kommt Unterstützung. „Die Themen Recycling, Mikroplastik- und Müllvermeidung werden immer relevanter und dürften mehr als ein kurzer Trend sein.“

                  Mit Banken hat das Startup aber nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Gründer von Unternehmen mit einem nachhaltigen oder sozialen Geschäftszweck erhalten oft keine Kredite. „Es überwiegt noch immer die Meinung, damit könne man doch kein Geld verdienen“, sagt Giang. „Manche verurteilen einen regelrecht, weil man mit etwas Gutem Geld verdienen will.“

                  Mit dem Kaffee haben Plastic2Beans ein dankbares und beliebtes Produkt auf dem Markt, das vielen Menschen und Unternehmen ein intelligentes Modell der zirkulären Wirtschaft und nachhaltigen Wertschöpfung näher bringt. Riecht gut, schmeckt gut – und macht außerdem schlauer!

                  Die wahrscheinlich entspannteste Demo der Welt

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                    Groß und Klein feierten Ende September 2020 rund um den Kölner Rathenauplatz einen „Car Free Day“. Wenn so die Stadt der Zukunft aussähe – wär‘ das nicht wunderbar?

                    Die Spätsommersonne zeichnet lange Schatten auf den Asphalt. Doch anders als an den übrigen Tagen des Jahres sind es diesmal nicht die Autos, die sie werfen, sondern die Menschen. Kinder und Erwachsene wuseln über die Straße, die den Rathenauplatz einfasst und üblicherweise weitgehend von parkenden und fahrenden PKWs dominiert wird. Hier haben Nachbarn einen Klapptisch aufgestellt und trinken Wein, dort bemalen Kinder den Straßenbelag mit bunten Kreiden. „Ich finde das phantastisch“, sagt eine Anwohnerin. „Ich wusste gar nicht, dass so viele Kinder in der Nachbarschaft sind.“

                    Die Agora Köln und die Kidical Mass hatten im Rahmen des Dezentralen Tags des guten Lebens die „Demo für ein kinderfreundliches Rathenauviertel für mehr Freiräume und Begegnungsorte im öffentlichen Raum“ organisiert. Und wenn es einen Umstand an der Aktion auszusetzen gegeben hätte, dann wohl diesen: Am nächsten Tag beherrschten wieder die stinkenden Verbrenner die Fahrbahn. Die Zukunft war vorbei, die Vergangenheit wieder Gegenwart. Aber die Motivation bleibt, in Worten ausgemalt von einer Mitorganisatorin: „Keine Angst haben, dass ein Auto um die Ecke kommt. Sorgenfrei die Kinder spielen lassen!“

                    Raum für Nachhaltigkeit: „Wir wollen eine Institution werden“

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                      Michael Marquardt hat im Rheinauhafen einen Raum für Nachhaltigkeit gegründet. Im Interview erzählt der Möbelfabrikant im Ruhestand, wie es dazu kam und was er für die Zukunft plant.

                      Das Wort Nachhaltigkeit ist nicht erst seit der Bewegung Fridays for Future in aller Munde. Im Mai haben Sie den Raum für Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

                      MICHAEL MARQUARDT: Ich finde es gut, was die jungen Menschen machen. Aber Nachhaltigkeit war für mich immer schon ein Thema. Ich habe lange die Firmen „Marquardt-Küchen“ und „Marquardt-Produktion“ geleitet. Die Sparte Küchen habe ich 2007 verkauft, aus der Polstermöbelproduktion habe ich mich 2017 zurückgezogen, mit 70 Jahren. Nachhaltigkeit stand dabei im Zusammenhang mit kommerzieller Verwertung: Indem man Ressourcen schont, kann man ja auch Geld sparen. Und jetzt hab ich gedacht: Wo du so alt geworden bist, machst du das ohne kommerzielle Verwertung.

                      Michael Marquardt, Unternehmer im Ruhestand, gründete den Raum für Nachhaltigkeit.

                      Nun haben Sie das Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses zur Verfügung gestellt, eine Ihrer Immobilien im Kölner Rheinauhafen. Was ist dort schon passiert?

                      MICHAEL MARQUARDT: Im Raum für Nachhaltigkeit passieren viele Dinge gleichzeitig – und es sollen noch mehr werden. Wir stellen ihn interessierten Leuten, die nicht viel Geld haben, als eine Art Bühne zur Verfügung. Hier können sie ihre Projekte präsentieren, in denen sie sich kompetent und leidenschaftlich für eine bessere, nachhaltigere Welt einsetzen. Momentan sind das sechs Projekte, etwa die Modewerkstatt Plan B; Designerin Karin Breul, die auch ein Atelier in der Südstadt hat, ist sonntags hier und veranstaltet offene Re-Design-Workshops. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Kleidung umzugestalten. Bezahlt wird, was es einem wert ist. Auch die Sneakerreinigung Sneaklean unterstützt die Kreislaufwirtschaft: Man kann hier gebrauchte Schuhe umwelt- und materialschonend reinigen lassen. Mithilfe eines Ozonschrankes werden sie vollkommen geruchs- und virenfrei.

                      Was ist denn ein Ozonschrank?

                      MICHAEL MARQUARDT: Oh, ein tolles Gerät. Damit kann man Klamotten, die die Waschmaschine nicht überstehen würden, zu 100 Prozent von Viren und Bakterien befreien. Ohne Waschmittel und außer ein wenig Strom quasi ohne Ressourcenverbrauch. Die Sachen werden reingehängt, physisch passiert mit ihnen nichts. Das Gas umspielt sie, ohne die Materialien zu belasten. In der Anschaffung kostet der Schrank zwar viel Geld, aber er hat so gut wie keine Betriebskosten. Und das Ozon wird, wenn es danach an die Luft kommt, sofort wieder zu Sauerstoff. Nachhaltiger geht’s nicht.

                      Prominente Adresse: Der Raum für Nachhaltigkeit befindet sich im Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses.

                      Klingt ja toll. Und wie kann man den Raum für Nachhaltigkeit als Plattform nutzen, wenn man glaubt, eine gute Geschäftsidee in diesem Sinne zu haben?

                      MICHAEL MARQUARDT: Hier sollen Dinge vorgestellt werden, die wirklich positiv sind, die was bringen. Es geht um die Vermittlung von guten Ideen für die Umwelt. Das müssen Spezialisten sein, mit authentischen Projekten, bei denen der kommerzielle Erfolg nicht im Vordergrund steht. Auf lange Sicht sollen sich abwechselnd neue Projekte vorstellen. Wer tolle Produkte oder Dienstleistungen hat, die der Fairness und Nachhaltigkeit dienen, kann uns gerne eine Email schreiben. Wir sind gerade erst dabei, den Raum zu entwickeln. Das wird in unterschiedliche Richtungen weitergehen.

                      Wir sollten nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude

                      Michael Marquardt

                      Was soll denn noch passieren?

                      MICHAEL MARQUARDT: Künftig wollen wir hier geschlossene Veranstaltungen durchführen, vielleicht unter dem Titel Nachhaltigkeitsabende oder Umweltabende. Spannende Vorträge in gemütlicher Umgebung mit neuen Produkten und Ideen. Und dann sprechen wir darüber, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Bereich machen kann. Wir müssen Graswurzelmarketing betreiben. Nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen Dinge in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Dazu gibt es was Nachhaltiges auf die Gabel, vegan-vegetarisches Essen vom Caterer Esskultour. Der Eintritt liegt dann bei Betrag X – vielleicht 30 Euro, für den ganzen Abend. Außerdem werden sich, sobald Corona das zulässt, im hinteren Teil des Raumes für Nachhaltigkeit wieder die Senioren treffen können.

                      Da treffen sich Senioren?

                      MICHAEL MARQUARDT: Das hat mit einer anderen Initiative zu tun, die ich schon länger betreibe. In Thüringen, dem Sitz meiner damaligen Firma Marquardt-Küchen, haben Mitarbeiter von mir und ich selbst vor 25 Jahren Ausflüge für Altenheime veranstaltet. Nach dem Verkauf der Küchenfabrik habe ich Marquardt-Produktion in Köln gegründet. Wir stellen Seniorenheimen Gesundheitssessel kostenlos zur Verfügung. Jetzt mache ich das mit privaten Mitteln. In diesem Zusammenhang habe ich eine eine gemeinnützige GmbH gegründet: „Einfach Lebensfreude“. Auf dem Programm stehen unter anderem Feste und Vorträge. Ein befreundeter Waldpädagoge veranstaltet demnächst Ausflüge zum Umweltbildungszentrum Gut Leidenhausen. Wenn die Projekte im Raum für Nachhaltigkeit irgendwann einmal in der Lage sind, etwas zu spenden, dann wird das zu 100 Prozent dazu verwendet, um „Einfach Lebensfreude“ zu unterstützen.

                      Woher nehmen Sie die Motivation für so viel Engagement?

                      MICHAEL MARQUARDT: Dieser altruistische Ansatz, der war bei mir immer schon da. Gleichzeitig ist es so: Wenn man die Augen aufhat und ein aktiver Teilnehmer des Lebens ist, dann ist der Klimaschutz das spannendste Thema, das es gibt. Die ganze Welt spricht von Nachhaltigkeit und vom Zustand der Welt. Aber es passiert sehr wenig. Dabei stehen wir wirklich am Abgrund. Was vor fünf oder zehn Jahren befürchtet wurde, ist heute Realität. Die Insekten sterben. Die Arten werden immer weniger. Ums Tierwohl ist es katastrophal bestellt. Zwar sind die Grünen aktuell die zweitgrößte Partei. Aber das Thema ist immer noch nicht da, wo es hingehört. Außerdem macht es mir Spaß, mit jungen Leuten zusammen zu sein – und helfen zu können. Und ich möchte nicht zu den Idioten gehören, die so weitermachen.

                      Was wollen Sie mit dem Raum für Nachhaltigkeit denn langfristig erreichen?

                      MICHAEL MARQUARDT: Dass sich so wenig tut in Richtung Klimaschatz, hat damit zu tun, dass dieses Thema immer noch in den Händen von zu netten Menschen ist. Von Menschen, die nicht viel Ahnung vom Thema Marketing haben – und davon, wie man gute und nachhaltige Ideen umsetzt. Denen auch das Geld dazu fehlt. Das wollen wir ändern. Wir müssen schließlich nicht die erreichen, die eh schon dafür sind, sondern die, die bislang blocken. Eine Einrichtung wie unsere gibt es in ganz Deutschland noch nicht. Keine so geile Location in solch einer Lage. Leicht wird das zwar nicht. Aber wir wollen eine Institution werden. Dabei denken wir ganz, ganz langfristig. Wir sprechen auch schon darüber, wie das weitergeht, wenn ich es nicht mehr machen kann. Gott sei Dank können wir uns einen langen Atem leisten.


                      Der Raum für Nachhaltigkeit im Web und unter @raumfuernachhaltigkeit auf Instagram