Featured

Start Featured
Featured posts

Für Europa – und für die Umwelt

    1
    Kundgebung von Pulse of Europe Köln am Roncalliplatz, 5.11.17
    Fotos: Düppengießer (8), PoE Köln (1)

    Lange Zeit ging an jedem ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr die Sonne hinterm Dom auf. Eigentlich immer, wenn die Kölner Abordnung der Bewegung Pulse of Europe zu ihrem Treffen lud, klärte sich der Himmel auf und präsentierte sich in der Farbe, die am besten zu so einer proeuropäischen Initiative passt: in strahlendem Blau.

    Zwar haben sich 2020 die Ausnahmen gehäuft. Zweimal ließ Corona die übliche Versammlung platzen, ein paar Male regnete es. Und sowohl im Juni als auch im Juli tagte die Demoreihe erst am zweiten Sonntag. Dennoch bleibt es eine gute Idee, sich den regelmäßigen Demos anzuschließen. In dieser „blauen Stunde“ sprechen mehr oder weniger prominente Menschen zu einem Thema mit Europabezug. Meist bleibt auch Zeit für das Offene Mikrofon mit Wortmeldungen aus dem Publikum. Traditionell gibt es ein musikalisches Beiprogramm, die „Ode an die Freude“ mit Menschenkette ist als Abschluss fest im Programm.

    Bei der nächsten Kundgebung am Sonntag, 12. Juli 2020, ab 14 Uhr (hier alle Infos) spricht ein Vertreter von Kölle for Future, einem Bündnis verschiedener Organisationen wie Fridays for Future und Parents for Future. Ein Wirtschaftswissenschaftler von Pulse of Europe Düsseldorf wird die gerade begonnene deutsche EU-Ratspräsidentschaft mit Blick auf den Green Deal analysieren. Das Norbert-Gymnasium Knechtsteden stellt das Umweltprojekt „Auf der Arche um 5 vor 12“ vor, bei dem es zwei Jahre lang mit Partnerschulen aus Lettland, Italien, Norwegen, Rumänien und Polen zusammenarbeitet.

    In erster Linie richten sich die Treffen nicht – wie andere Demonstrationen – gegen einen akuten Missstand. Es geht darum, „den europäischen Gedanken wieder sichtbar und hörbar zu machen“, wie es in den „Zehn Grundsätzen“ der überparteilichen und parteiunabhängigen Bewegung heißt. „Wir sind überzeugt, dass die Zahl der Menschen, die der europäischen Idee positiv gegenübersteht, größer ist als die Zahl der Gegner.“

    Umweltprobleme auf europäischer Ebene lösen

    Das Bewusstsein wächst, dass Klima- und Umweltschutz auch im europäischen Zusammenhang eine steigende Bedeutung zukommt. „Dieses Europa ist die Ebene, auf der die wichtigen Zukunftsfragen angegangen werden können, die auf nationalstaatlicher Ebene nicht zu lösen sind“, sagt Stefan Bildhauer. Er leitet das International Office der Kölner Universität und ist Mitglied im Organisationsteam von Pulse of Europe Köln. Man wolle die Bühne bilden und Gesprächssituationen herstellen, „um diese Themen aus der europäischen Perspektive gemeinsam zu diskutieren“.

    Die monatliche Versammlung ist das öffentliche Aushängeschild von Pulse of Europe, aber vieles passiert auch im Hintergrund. Vom „Hausparlament“, bei dem sich vier und acht Menschen im privaten Rahmen treffen, um sich über europäische Fragen auszutauschen, bis zum Programm „Europa ist deine Zukunft“ mit Veranstaltungen für Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse.

    So voll wie im September 2017 wird es nicht immer bei den Kundgebungen.

    Pulse-of-Europe-Kundgebungen finden europaweit am ersten Sonntag des Monats statt, in Köln erstmals am am 5. Februar 2017 – noch direkt vor dem Hauptbahnhof. Wegen des großen Zuspruchs musste die Demoserie bald auf die andere Domseite wechseln. „Zwischenzeitig, vor den wichtigen Wahlen in den Niederlanden oder Frankreich und vor den Europawahlen, sind bis zu 3500 Menschen gekommen“, erinnert sich Bildhauer. Zuletzt habe sich die Zahl bei 250 bis 300 Teilnehmern eingependelt.

    Kreidekreuze, um den Mindestabstand einzuhalten

    Corona macht seit Monaten viele Veranstaltungen unmöglich. Im April etwa mussten Fashion Revolution Week, Earth Day und Globaler Klimastreik ins Internet umziehen, aus öffentlichen wurden Online-Proteste. Auch die Critical Mass Köln trifft sich eigentlich an jedem letzten Freitag im Monat zu einer „Protestfahrt“: Hunderte, oft gleich Tausende Radler fahren durch die Stadt, um „auf ihre Belange und Rechte gegenüber dem motorisierten Individualverkehr aufmerksam zu machen“. Zu Coronazeiten fallen die Touren aus.

    Pulse of Europe Köln hat die Kundgebung im April abgesagt, die im Mai fand nur als Youtube-Video statt. Seit Juni aber geht es weiter. Maskenpflicht gilt sowieso. Damit auch die übrigens Hygiene-Vorgaben beachtet werden, machen die Veranstalter etwas, was bei Demonstrationszügen wenig bringen würde: Sie malen Kreidekreuze auf den Boden, an denen sich die Teilnehmer orientieren können, um den Mindestabstand einzuhalten.

    Mit diesen Vorgaben ist auch die Versammlung am Sonntag, 12. Juli 2020 möglich. Schwerpunkt ist der „Green Deal“. Nach diesem Konzept soll die Europäische Union bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren und damit als erster Kontinent klimaneutral werden.

    Im Mai 2017 bauten die Teilnehmer auf dem Roncalliplatz symbolisch eine Kartonmauer auf und rissen sie ein.

    Bislang standen Umweltthemen nicht derart prominent auf der Agenda. In den „Grundsätzen“ werden sie nicht ausdrücklich erwähnt, waren eher implizit mitgemeint. „Aber auch schon auf früheren Veranstaltungen ist das Thema Klima- und Umweltschutz zur Sprache gekommen. Eben weil es einer gemeinsamen europäischen Lösung – und Vorbildfunktion – bedarf“, sagt Stefan Bildhauer. So sprachen beispielsweise schon eine Vertreterin von Fridays for Future und Harald Rau, der Sozial- und Umweltdezernent der Stadt Köln, vor den Demonstrierenden.

    Mehr Einsatz im Klima- und Umweltschutz gefordert

    Den Green Deal hat die Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen ausgearbeitet. Aber nicht nur deswegen wird das Thema künftig noch stärker in den Vordergrund treten. Der Wunsch dazu kam auch aus den Reihen der Teilnehmer. Im Mai veranstaltete Pulse of Europe Köln eine Umfrage. Auf die Frage, wo die Europäische Union ihr Engagement steigern solle, wurde am häufigsten der Klima- und Umweltschutz genannt. „Die Befragten fordern von der EU – trotz Corona-Krise und massiven wirtschaftlichen Einbrüchen – in allererster Linie mehr Einsatz für den Kampf um den Klima- und Umweltschutz“, fasste es Bildhauer zusammen.

    Die Essensretter von Kölle

      0
      The Good Food fff.cologne FFF Köln
      Nicole Klaski hat ein Herz für krumme Gewächse. Foto: Veith

      Prall gefüllt sind die Regale von The Good Food – mit allerlei leckeren Lebensmitteln, die sonst weggeworfen würden. Die Kölner Initiative kommt so gut an, dass sie jetzt expandiert.

      Vor dem Ladenlokal in der Kölner Sülzburgstraße 164 wächst die Schlange. Kunden warten in einigem Abstand zueinander, bis sie – in keimfreien Dreiergruppen – endlich von einer jungen Frau mit Mundschutz in den Kiosk gewunken werden. Dieser Tage ein gewohntes Bild.

      Doch an den Covid-19 bedingten Einlass-Beschränkungen allein liegt die Rudelbildung nicht. Heute gibt es Erdbeeren! Erdbeeren, die eigentlich auf dem Müll gelandet wären. Wären da nicht Nicole Klaski und ihre Mitstreiter von The Good Food – DEM Reste-Supermarkt aus Köln Ehrenfeld, der seine erste Zweigstelle im hinteren Teil des Büdchen Casablanca in Sülz eröffnet hat. Seitdem gehen auch im Kölner Süden die abgelaufenen Köstlichkeiten und das krumme Jemös genauso gut weg wie die Semmeln vom Vortag.   

      The Good Food fff.cologne FFF Köln
      Die neue Zweigstelle von The Good Food im Büdchen Casablanca. Foto: Ketelsen

      Das Konzept von Gründerin Klaski und ihrem stetig wachsenden Team aus überwiegend ehrenamtlichen Helfern ist so simpel wie schlüssig: The Good Food rettet Lebensmittel, die sonst im großen Stil im Abfall gelandet wären, und verkauft sie zum „Zahl, was es dir wert ist“-Preis weiter. Das klingt nach Batik und Barfuß, ist aber anders: Die Regale sind prall gefüllt – nicht nur mit Lauch und Chiasamen, sondern auch mit Popcorn und Craftbier.

      „Mindestens haltbar“ heißt nicht „Tödlich ab“

      Momentan steht eine ganze Charge Schulmilch im Kühlschrank, die wegen der Corona-Maßnahmen keinen Abnehmer gefunden hat und kurz vorm Ablaufen ist. „Dabei bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum ja aber mindestens haltbar und nicht tödlich ab„, erklärt Klaski mit einem Augenzwinkern.

      The Good Food fff.cologne FFF Köln
      Alles frisch Gerettete kostet, soviel es dem Käufer wert ist. Foto: Veith

      Ein längerer Aufenthalt in Nepal macht der studierten Juristin die geballte Perversion unseres westlichen Umgangs mit Nahrung bewusst. Rund 12 Millionen Tonnen größtenteils genießbare Lebensmittel wandern jährlich in Deutschland in den Müll – 75 Kilo pro Kopf. Mit den Nahrungsmitteln, die allein in Europa und Nordamerika weggeschmissen werden, könnte man alle Hungernden dieser Welt dreimal statt bekommen. Alle! Dreimal!

      Essen wegschmeißen macht Essen teurer

      Wer jetzt poltert, man könne ja aber wohl schlecht die Reste vom Mittagessen nach Mali schicken – aufgepasst: Die Nachfrage regelt das Angebot. Immer über alles, zu jeder Zeit und im Übermaß verfügen zu wollen, feuert den Markt an. Essen wegschmeißen verschwendet Ressourcen, führt in der Folge zu ihrer Verknappung und damit zu einem Preisanstieg. Am Ende hat der arme Teil der Weltbevölkerung das Nachsehen und wir dicken Europäer hätten in der Tat sehr wohl was daran ändern können.

      „Das hat mich total genervt!“ Nicole Klaskis Erkenntnis bringt sie 2013 zunächst zu foodsharing, einer Initiative, die unter anderem in ganz Deutschland die sogenannten Fair-Teiler betreibt und so viele verschmähte Lebensmittel doch noch ihrer Bestimmung zuführt – nämlich gegessen zu werden.

      Ich will auch Dinge retten, die erst gar nicht in den Supermarkt kommen.

      Nicole Klaski

      „Das ist toll, setzt allerdings am Ende der Wertschöpfungskette an. Ich wollte auch die Dinge retten, die erst gar nicht in den Supermarkt kommen und für die man dann vielleicht auch ein bisschen mehr Logistik aufwenden muss.“ Sprich: Geld. Mit einer Gleichgesinnten bewirbt sich Klaski 2015 deshalb um ein Stipentium von Social Impact. Mit Erfolg. Und ab hier nimmt alles seinen Lauf.

      Zweibeinige Möhren und knubbelige Kartoffeln

      Die beiden gehen selbst aufs Feld eines befreundeten Bauern und ernten, was ansonsten zurück bleiben würde. Denn Produktion, Handel und nicht zuletzt wir, die verzogene Kundschaft, lassen Obst und Gemüse mit allzu charakteristischen Abweichungen liegen: zu krumm, zu fleckig, zu wenig in der Norm ist „Bäh!“.

      „Das finde ich super schade.“ Genau wie die ersten Kunden, die Klaski von ihrem ersten selbstgezimmerten Marktstand aus mit den zweibeinigen Möhren und knubbelige Kartoffeln versorgt. Unter ihnen sind mit der Zeit auch immer mehr Leute, die selbst mit anpacken wollen – wie ein Hausbesitzerpaar aus Ehrenfeld, das The Good Food sein erstes Ladenlokal in der Venloer Straße 414 zur Miete anbietet. Der Startschuss zum ersten offiziellen Reste-Supermarkt Deutschlands.

      Wachsen, aber natürlich!

      The Good Food fff.cologne FFF Köln
      Auch in Sülz ist alles abgelaufen, aber nicht tödlich. Foto: Ketelsen

      Seitdem hat Nicole Klaski an die 80 Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen und mit ihnen zusammen viel erreicht. Der Laden finanziert sich selbst, ein größeres Lager konnte angemietet werden und seit kurzem gibt es sogar ein nagelneues Lastenrad für den CO2-neutralen Transport. Außerdem kann sich Klaski nach fünf Jahren selbst ein Gehalt für ihren Vollzeitjob auszahlen und – darüber ist die 37-jährige besonders froh – auch noch drei weiteren Teilzeitkräften eine Stelle schaffen. „Das bringt uns Kapazitäten für ein paar Experimente“, freut sich Klaski. Die Dependance im Büdchen Casablanca zum Beispiel. Und die läuft super an.

      Nur nicht zu viel auf einmal – Klaski setzt auf schrittweise Entwicklung. Zeitweise hat The Good Food auch Caterings und Kochkurse angeboten. „Aber das hat mehr Stress verursacht als Nutzen gebracht. Das hat einfach noch nicht in unsere Struktur gepasst.“ Also haben Klaski und ihr Team erst einmal wieder einen Gang runter geschaltet und schauen lieber, was sich aus ihren Möglichkeiten selbst ergibt. Und darum geht es ja: organisches Wachstum – ob im Unternehmen oder bei den zweibeinigen Möhren.

      In ihrem YouTube-Channel geben The Good Food Kochtipps: Folge 1 mit Ute Symanski von Aufbruch Fahrrad.

      Zur Website von The Good Food

      Dank an Nachhaltige Fotografie Simon Veith

      Raum für Nachhaltigkeit: „Wir wollen eine Institution werden“

        2

        Michael Marquardt hat im Rheinauhafen einen Raum für Nachhaltigkeit gegründet. Im Interview erzählt der Möbelfabrikant im Ruhestand, wie es dazu kam und was er für die Zukunft plant.

        Das Wort Nachhaltigkeit ist nicht erst seit der Bewegung Fridays for Future in aller Munde. Im Mai haben Sie den Raum für Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Wie kam es dazu?

        MICHAEL MARQUARDT: Ich finde es gut, was die jungen Menschen machen. Aber Nachhaltigkeit war für mich immer schon ein Thema. Ich habe lange die Firmen „Marquardt-Küchen“ und „Marquardt-Produktion“ geleitet. Die Sparte Küchen habe ich 2007 verkauft, aus der Polstermöbelproduktion habe ich mich 2017 zurückgezogen, mit 70 Jahren. Nachhaltigkeit stand dabei im Zusammenhang mit kommerzieller Verwertung: Indem man Ressourcen schont, kann man ja auch Geld sparen. Und jetzt hab ich gedacht: Wo du so alt geworden bist, machst du das ohne kommerzielle Verwertung.

        Michael Marquardt, Unternehmer im Ruhestand, gründete den Raum für Nachhaltigkeit.

        Nun haben Sie das Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses zur Verfügung gestellt, eine Ihrer Immobilien im Kölner Rheinauhafen. Was ist dort schon passiert?

        MICHAEL MARQUARDT: Im Raum für Nachhaltigkeit passieren viele Dinge gleichzeitig – und es sollen noch mehr werden. Wir stellen ihn interessierten Leuten, die nicht viel Geld haben, als eine Art Bühne zur Verfügung. Hier können sie ihre Projekte präsentieren, in denen sie sich kompetent und leidenschaftlich für eine bessere, nachhaltigere Welt einsetzen. Momentan sind das sechs Projekte, etwa die Modewerkstatt Plan B; Designerin Karin Breul, die auch ein Atelier in der Südstadt hat, ist sonntags hier und veranstaltet offene Re-Design-Workshops. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre Kleidung umzugestalten. Bezahlt wird, was es einem wert ist. Auch die Sneakerreinigung Sneaklean unterstützt die Kreislaufwirtschaft: Man kann hier gebrauchte Schuhe umwelt- und materialschonend reinigen lassen. Mithilfe eines Ozonschrankes werden sie vollkommen geruchs- und virenfrei.

        Was ist denn ein Ozonschrank?

        MICHAEL MARQUARDT: Oh, ein tolles Gerät. Damit kann man Klamotten, die die Waschmaschine nicht überstehen würden, zu 100 Prozent von Viren und Bakterien befreien. Ohne Waschmittel und außer ein wenig Strom quasi ohne Ressourcenverbrauch. Die Sachen werden reingehängt, physisch passiert mit ihnen nichts. Das Gas umspielt sie, ohne die Materialien zu belasten. In der Anschaffung kostet der Schrank zwar viel Geld, aber er hat so gut wie keine Betriebskosten. Und das Ozon wird, wenn es danach an die Luft kommt, sofort wieder zu Sauerstoff. Nachhaltiger geht’s nicht.

        Prominente Adresse: Der Raum für Nachhaltigkeit befindet sich im Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses.

        Klingt ja toll. Und wie kann man den Raum für Nachhaltigkeit als Plattform nutzen, wenn man glaubt, eine gute Geschäftsidee in diesem Sinne zu haben?

        MICHAEL MARQUARDT: Hier sollen Dinge vorgestellt werden, die wirklich positiv sind, die was bringen. Es geht um die Vermittlung von guten Ideen für die Umwelt. Das müssen Spezialisten sein, mit authentischen Projekten, bei denen der kommerzielle Erfolg nicht im Vordergrund steht. Auf lange Sicht sollen sich abwechselnd neue Projekte vorstellen. Wer tolle Produkte oder Dienstleistungen hat, die der Fairness und Nachhaltigkeit dienen, kann uns gerne eine Email schreiben. Wir sind gerade erst dabei, den Raum zu entwickeln. Das wird in unterschiedliche Richtungen weitergehen.

        Wir sollten nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude

        Michael Marquardt

        Was soll denn noch passieren?

        MICHAEL MARQUARDT: Künftig wollen wir hier geschlossene Veranstaltungen durchführen, vielleicht unter dem Titel Nachhaltigkeitsabende oder Umweltabende. Spannende Vorträge in gemütlicher Umgebung mit neuen Produkten und Ideen. Und dann sprechen wir darüber, was jeder Einzelne in seinem persönlichen Bereich machen kann. Wir müssen Graswurzelmarketing betreiben. Nicht über die großen Dinge in Grönland reden, sondern über die kleinen Dinge in Köln. Und das verbunden mit Spaß und Freude, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Dazu gibt es was Nachhaltiges auf die Gabel, vegan-vegetarisches Essen vom Caterer Esskultour. Der Eintritt liegt dann bei Betrag X – vielleicht 30 Euro, für den ganzen Abend. Außerdem werden sich, sobald Corona das zulässt, im hinteren Teil des Raumes für Nachhaltigkeit wieder die Senioren treffen können.

        Da treffen sich Senioren?

        MICHAEL MARQUARDT: Das hat mit einer anderen Initiative zu tun, die ich schon länger betreibe. In Thüringen, dem Sitz meiner damaligen Firma Marquardt-Küchen, haben Mitarbeiter von mir und ich selbst vor 25 Jahren Ausflüge für Altenheime veranstaltet. Nach dem Verkauf der Küchenfabrik habe ich Marquardt-Produktion in Köln gegründet. Wir stellen Seniorenheimen Gesundheitssessel kostenlos zur Verfügung. Jetzt mache ich das mit privaten Mitteln. In diesem Zusammenhang habe ich eine eine gemeinnützige GmbH gegründet: „Einfach Lebensfreude“. Auf dem Programm stehen unter anderem Feste und Vorträge. Ein befreundeter Waldpädagoge veranstaltet demnächst Ausflüge zum Umweltbildungszentrum Gut Leidenhausen. Wenn die Projekte im Raum für Nachhaltigkeit irgendwann einmal in der Lage sind, etwas zu spenden, dann wird das zu 100 Prozent dazu verwendet, um „Einfach Lebensfreude“ zu unterstützen.

        Woher nehmen Sie die Motivation für so viel Engagement?

        MICHAEL MARQUARDT: Dieser altruistische Ansatz, der war bei mir immer schon da. Gleichzeitig ist es so: Wenn man die Augen aufhat und ein aktiver Teilnehmer des Lebens ist, dann ist der Klimaschutz das spannendste Thema, das es gibt. Die ganze Welt spricht von Nachhaltigkeit und vom Zustand der Welt. Aber es passiert sehr wenig. Dabei stehen wir wirklich am Abgrund. Was vor fünf oder zehn Jahren befürchtet wurde, ist heute Realität. Die Insekten sterben. Die Arten werden immer weniger. Ums Tierwohl ist es katastrophal bestellt. Zwar sind die Grünen aktuell die zweitgrößte Partei. Aber das Thema ist immer noch nicht da, wo es hingehört. Außerdem macht es mir Spaß, mit jungen Leuten zusammen zu sein – und helfen zu können. Und ich möchte nicht zu den Idioten gehören, die so weitermachen.

        Was wollen Sie mit dem Raum für Nachhaltigkeit denn langfristig erreichen?

        MICHAEL MARQUARDT: Dass sich so wenig tut in Richtung Klimaschatz, hat damit zu tun, dass dieses Thema immer noch in den Händen von zu netten Menschen ist. Von Menschen, die nicht viel Ahnung vom Thema Marketing haben – und davon, wie man gute und nachhaltige Ideen umsetzt. Denen auch das Geld dazu fehlt. Das wollen wir ändern. Wir müssen schließlich nicht die erreichen, die eh schon dafür sind, sondern die, die bislang blocken. Eine Einrichtung wie unsere gibt es in ganz Deutschland noch nicht. Keine so geile Location in solch einer Lage. Leicht wird das zwar nicht. Aber wir wollen eine Institution werden. Dabei denken wir ganz, ganz langfristig. Wir sprechen auch schon darüber, wie das weitergeht, wenn ich es nicht mehr machen kann. Gott sei Dank können wir uns einen langen Atem leisten.


        Der Raum für Nachhaltigkeit im Web und unter @raumfuernachhaltigkeit auf Instagram

        Plastik recyclen und Kaffee trinken

          0
          fff.cologne Klima Köln NAchhaltigkeit Plastic2Beans
          alles im Flow?

          Wer sagt eigentlich, dass Weltretten nicht auch gut schmecken, wach machen und finanziell attraktiv sein kann? Das Kölner Startup Plastic2Beans bringt Kunststoffrecycling nach Äthiopien und kauft direkt vor Ort Kaffee ein, der Kölner Unternehmer wach macht.

          Die Gründer von Plastic2Beans sind drei junge Wissenschaftler aus Köln: Abiye Dagnew, Kunststofftechniker, Dr. Kalie-Martin Cheng, Polymerchemiker, und  Dr. Thomas Tam Giang, Marketingspezialist. Ihr Unternehmen will die Entwicklungszusammenarbeit und nachhaltigen Handel in Mittelpunkt stellen.

          Mit dem Erlös in der lokalen Währung Birr werden Kleinbauern-Kooperativen in Äthiopien unterstützt und hochwertige Kaffees direkt nach Deutschland importiert und gezielt an Unternehmen verkauft.

          Am Anfang war ein Paar Schwimmflügel

          Alles begann vor ein paar Jahren in Köln, als sich Abiyes Sohn von Kalies Tochter ein paar Schwimmflügel auslieh. So lernten sich die Eltern kennen.

          Kalie hatte sich schon länger damit beschäftigt, wie man einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoffen umsetzen kann. Abiye erzählte Kalie von der schwierigen Situation in Äthiopien. Gemeinsam riefen sie Plastic2Beans ins Leben und banden nach und nach immer mehr Freunde mit ein.

          fff.cologne Plastic2Beans Nachhaltiger Kaffee aus Köln Recycling Klima
          Das Team von Plastic2Beans: schlaue Leute mit guten Zielen

          Mittlerweile besteht ein reger Austausch mit dem Botschafter von Äthiopien. Beim Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsforum NRW waren die Gründer von Plastic2Beans als Speaker geladen, ebenso bei Foodhub NRW.

          Was die jungen Unternehmer antreibt, ist die Überzeugung, mit vereinten Kräften in Köln und Äthiopien etwas Sinnvolles in Gang setzen zu können. In Äthiopien werden momentan pro Jahr etwa drei bis sechs Milliarden PET-Flaschen neu (!) produziert, Recycling-Systeme gibt es so gut wie keine. Die wertvollen Rohstoffe werden also von Äthiopien ins Ausland verkauft, um recycelt werden zu können. Für die äthiopische Wirtschaft wäre Recycling im eigenen Land ein riesiger Gewinn und ein Wirtschaftssektor, den es aus Sicht von Thomas Tam Giang zu unterstützen gilt: „Es fehlt nur ein technologischer Schritt, um Recycling von PET komplett durchzuführen“, sagt Giang. „Es wird ja Plastik gesammelt, aber weiterverkauft anstatt wiederverwertet zu werden.“

          From Bottle to Bottle

          Plastic2Beans plant die erste PET-Recyclinganlage Äthiopiens und führt dazu derzeit eine Machbarkeitsstudie durch. Mittlerweile hat das Startup einige Kooperationspartner gefunden: deutsche Abfallunternehmen, die ein „from-bottle-to-bottle“-Recycling-System in Äthiopien mit aufbauen wollen.

          Köln ist für Plastic2Beans ein interessanter Ort. Die StartUp-Szene in der Stadt und in ganz NRW wächst rapide. „Die Kooperation mit Zero Waste Köln, die Unterstützung durch das NRW-Gründerstipendium und die weitreichende Förderlandschaft sind für uns sehr fruchtbar“, sagt Giang. Auch vom Social Impact Lab und der IHK zu Köln kommt Unterstützung. „Die Themen Recycling, Mikroplastik- und Müllvermeidung werden immer relevanter und dürften mehr als ein kurzer Trend sein.“

          Mit Banken hat das Startup aber nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Gründer von Unternehmen mit einem nachhaltigen oder sozialen Geschäftszweck erhalten oft keine Kredite. „Es überwiegt noch immer die Meinung, damit könne man doch kein Geld verdienen“, sagt Giang. „Manche verurteilen einen regelrecht, weil man mit etwas Gutem Geld verdienen will.“

          Mit dem Kaffee haben Plastic2Beans ein dankbares und beliebtes Produkt auf dem Markt, das vielen Menschen und Unternehmen ein intelligentes Modell der zirkulären Wirtschaft und nachhaltigen Wertschöpfung näher bringt. Riecht gut, schmeckt gut – und macht außerdem schlauer!

          Wer Süßes will muss strampeln

            0
            fffcologne Kölner Schokofahrt Klima Nachhaltigkeit Lastenrad

            Die Teilnehmer der Initiative Kölner Schokofahrt naschen gerne, aber wenn, dann Emmisions-frei. Deshalb fährt die Gruppe regelmäßig mit dem Lastenrad von Köln nach Amsterdam und wieder zurück.

            Die ursprüngliche Idee der Schokofahrt stammt aus Münster. Inzwischen hat sie sich auf zahlreiche Städte in Deutschland verbreitet. In dezentral organisierten privaten Fahrradtouren transportieren die Teilnehmer Emissions-frei Schokolade und versüßen damit das Leben in ihrer Stadt.

            Der Kakao für die Schokolade kommt von kleinen, genossenschaftlich organisierten Erzeugern in der Dominikanischen Republik. Von dort wird er mit dem Segelschiff Tres Hombres CO2-frei nach Amsterdam transportiert.

            Das Segelschiff hat eine besondere Geschichte: Tres Hombres ist ein ehemaliger Kriegsfischkutter, der nach mehr als 60 Jahren zum Frachtsegler umgebaut wurde. Seit 2009 unterhält er einen Klima-neutralen Frachtdienst zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent.

            Pilotprojekt: Emissions-freier Frachtdienst

            Benannt ist das Schiff nach den drei Männern, die sein Konzept ins Leben gerufen haben: Greenpeace-Aktivist Andreas Lackner, der früher auf Großseglern arbeitete, Arjen van der Veen und Jorne Langelaan. Sie lernten einander auf Segelschiffen kennen und entwarfen gemeinsam das Konzept für einen Emissions-freien Frachtdienst über See. Als Pilotprojekt soll die Tres Hombres die Marktnische Fairtransport ausbauen und deren wirtschaftliche Lebensfähigkeit beweisen.

            Entspannt ankommen: Segelschiff Tres Hombres
            Foto: chocolatemakers.nl

            Fertigung mit regenerativen Energien

            Im Amsterdamer Hafen angekommen werden die Kakaobohnen aus der Karibik zu den Amsterdam Chocolate Makers transportiert, eine zu 100 Prozent mit regenerativen Energien betriebenen Fabrik, die die Rohstoffe zu Schokolade verarbeitet. Den Transport vom Hafen bis zur Fabrik erledigen Freiwillige – natürlich per Fahrrad.

            Die fertigen Tafeln gelangen dann per Lastenrad nach Köln und dort in die Partner-Läden. Dafür tritt die Kölner Schokofahrt vier Tage lang und rund 500 Kilometer weit in die Pedale. Zu kaufen gibt es das Naschwerk unter anderem bei elf Rewe-Filialen in Köln und Bergisch Gladbach. Als kommende Abholtermine in Amsterdam sind der 11. und der 23. April 2020 geplant.

            Die wahrscheinlich entspannteste Demo der Welt

              0

              Groß und Klein feierten Ende September 2020 rund um den Kölner Rathenauplatz einen „Car Free Day“. Wenn so die Stadt der Zukunft aussähe – wär‘ das nicht wunderbar?

              Die Spätsommersonne zeichnet lange Schatten auf den Asphalt. Doch anders als an den übrigen Tagen des Jahres sind es diesmal nicht die Autos, die sie werfen, sondern die Menschen. Kinder und Erwachsene wuseln über die Straße, die den Rathenauplatz einfasst und üblicherweise weitgehend von parkenden und fahrenden PKWs dominiert wird. Hier haben Nachbarn einen Klapptisch aufgestellt und trinken Wein, dort bemalen Kinder den Straßenbelag mit bunten Kreiden. „Ich finde das phantastisch“, sagt eine Anwohnerin. „Ich wusste gar nicht, dass so viele Kinder in der Nachbarschaft sind.“

              Die Agora Köln und die Kidical Mass hatten im Rahmen des Dezentralen Tags des guten Lebens die „Demo für ein kinderfreundliches Rathenauviertel für mehr Freiräume und Begegnungsorte im öffentlichen Raum“ organisiert. Und wenn es einen Umstand an der Aktion auszusetzen gegeben hätte, dann wohl diesen: Am nächsten Tag beherrschten wieder die stinkenden Verbrenner die Fahrbahn. Die Zukunft war vorbei, die Vergangenheit wieder Gegenwart. Aber die Motivation bleibt, in Worten ausgemalt von einer Mitorganisatorin: „Keine Angst haben, dass ein Auto um die Ecke kommt. Sorgenfrei die Kinder spielen lassen!“

              Rhein-Querung for Future?

                0

                Die Verkehrsplanung im Kölner Süden steht vor einem Umbruch. Dabei konkurrieren verschiedene Konzepte, Ideen, Planungen und Trassen: Kommt eine Autobahnbrücke oder ein Autobahntunnel? Oder eine Stadtbahn-Brücke? Die Antwort bestimmt mit, ob wir in Köln unsere Klimaziele erreichen. Unser „Idee des Monats„-Autor Martin Herrndorf macht den Klima-Check.

                Wer im Kölner Süden wohnt, hat es Grün. Auf der Grenze von Porz und dem Rhein-Sieg-Kreis, zwischen Niederkassel, Mondorf, Wahn und dem Rhein liegt eine kleine grüne Idylle. Teilweise, wie die Lülsdorfer Wiesen, steht diese sogar unter besonderem Schutz.

                Doch die Idylle hat ihren Preis. Denn die Region ist verkehrlich schlecht angebunden, gerade für Pendler ist dies natürlich ein Problem.

                Dies gilt insbesondere für den Öffentlichen Nahverkehr. Die Stadtbahn-Linie 7 endet in Porz und braucht von dort stolze 24 Minuten bis zum Neumarkt. Auch die S-Bahn in Wahn ist, ohne Auto, aus den Rheindörfern nur schwer zu erreichen. Besonders absurd wird es, wenn man von Porz auf die anderen Rheinseite möchte: Nach Wesseling braucht man mit dem Auto 31 Minuten, mit Bus und Bahnen gar stolze 1,5 Stunden.

                Das Ergebnis: In Langel kommen auf 1000 Einwohner 562 PKW – das sind ziemlich genau doppelt so viele wie in der Kölner Innenstadt (276). Im Stadtkern von Porz mit Anschluss an die Stadtbahn und den überregionalen Bahnverkehr sind es 361.

                All das hat Auswirkungen auf den Klimaschutz: Während die Emissionen in anderen Bereichen gesunken sind, steigen sie beim Verkehr – bundesweit und auch in Köln. Während die Anwohner*innen der Innenstadt dabei relativ leicht auf andere Optionen umsteigen können, ist dies in den Randlagen schwierig. Vor allem, wenn diese so schlecht angebunden sind wie das hier betrachtete Gebiet.

                Zusätzlich ist der Kölner Süden auf beiden Seiten des Flusses auch Industriestandort. Linksrheinisch befinden sich zwei große Shell-Standorte sowie der Godorfer Hafen, rechtsrheinisch hat Evonik einen Standort samt Verladestation.

                Die Planungen

                Die Politik hat das Problem seit längerem erkannt. Es gibt mehrere konkurrierende Ideen.

                Ein Ansatz mit überörtlicher Bedeutung ist die sogenannte „Rheinspange“, eine Autobahntrasse, die von der Autobahn A59 im Rechtsrheinischen mit einer Brücke über den Rhein hinweg zur A555 auf der anderen Rheinseite führen soll. Hier ist eine lokale Auffahrt vorgesehen, zum Beispiel zwischen Langel und Lülsdorf. Es gibt verschiedene Ansätze für die Trassenführung, primär diskutiert werden eine nördliche an Langel vorbei und eine südliche zwischen Niederkassel in Lülsdorf.

                Parallel dazu treiben die Verantwortlichen neue Bahntrassen voran, etwa eine Verlängerung der Linie 7 von Porz aus. Eine zweite Variante soll den rechtsrheinischen Süden über den Rhein hinweg an das Stadtbahnnetz anbinden. Hier wäre eine neue Brücke notwendig Die Fahrzeiten in Richtung Innenstadt wären so deutlich kürzer.

                Der Klimacheck

                Während die neuen Stadtbahntrassen recht unumstritten sind, ist um die „RheinSpange“, deren Planungen samt Berücksichtigung im Bundesverkehrswegeplan schon recht weit fortgeschritten sind, eine Kontroverse entbrannt. Die Spaltung reicht quer durch die Parteien. So ist die Kölner SPD bisher überwiegend für die RheinSpange, während sich die SPD Niederkassel überraschend und deutlich gegen die neue Autobahnbrücke ausgesprochen hat.

                Von der zwischenzeitlich kursierenden Idee, Stadtbahn und Autobahn zu verbinden, haben sich Politik und Verwaltung mittlerweile verabschiedet. Dies liegt vor allem daran, dass eine Stadtbahntrasse möglichst nah an den bestehenden Siedlungsgebieten liegen sollte, um Haltestellen nah an Wohnorten zu ermöglichen, während eine Autobahn wegen der Lärmbelastung und sonstiger Emissionen möglichst weit weg von Wohngebieten verlaufen sollte. Gerade die Anwohner*innen vor Ort machen mobil gegen die Autobahnbrücke, wie dieses Video zeigt.

                Verkehrsströme

                Klar ist: Neue Autostraßen erzeugen zusätzlichen Autoverkehr. Das bestreiten auch die Befürworter*innen der RheinSpange nicht. Es wird sogar als Pro-Argument ins Spiel gebracht: Kürzere Wege, zum Beispiel von Lülsdorf nach Wesseling, bedeuten weniger Energieverbrauch – gut für den Klimaschutz!

                Dieses Argument berücksichtigt allerdings nicht, dass neue Infrastruktur immer auch einen verkehrlichen Effekt hat, also mit beeinflusst, wer wie oft und wie weit mit welchem Verkehrsmittel unterwegs ist.

                Das Verkehrsgutachten für die Nordvariante rechnet mit 63.700 Autos pro Tag, die über die neue Autobahnbrücke fahren. Dagegen stehen Entlastungen von täglich 18.900 auf der Rodenkirchener Brücke und 8.800 Fahrzeuge weniger in Bonn. Die Entlastungen auf den anderen Brücken machen damit nur ein Drittel der Mehrfahrten auf der neuen Brücke aus.

                Zudem ist zweifelhaft, ob die anderen Brücken und auch alle anderen Straßen wirklich dauerhaft entlastet werden. So könnten Pendler, die jetzt per Bus und Bahn fahren, weil sie nicht im Stau stehen wollen, in Zukunft wieder umsteigen – und den Rückgang kompensieren.

                All das steht im deutlichen Widerspruch zu den Zielen der Stadt Köln. So soll, nach dem Mobilitätskonzept KölnMobil 2025, der Anteil der Autofahrten an den Gesamtfahrten deutlich sinken. Und das Klimakonzept Köln KlimaAktiv 2022 errechnet gar einen notwendigen Rückgang des Automobilverkehrs von heute 43 Prozent auf 10 Prozent (!) im Jahre 2030, wenn die Pariser Klimaziele eingehalten werden sollen. Ob eine derartig drastische Reduktion möglich oder durchsetzbar ist, ist ohnehin fraglich. Unmöglich wird sie, wenn wir in den Maße Kapazitäten zubauen, wie es hier geplant wird.

                Aus dem Verkehrsgutachten. Grafik: https://rheinspange.nrw.de/

                Hochwasser, Naturschutzgebiete & Co.

                Der zweite Klima-relevante Aspekt sind die lokalen Auswirkungen auf Feld, Wald und Wiesen. Hierbei geht es vor allem um die Klimafolgenanpassung. Die Prognosen, mit denen auch die Stadt Köln arbeitet, sagen zwei Tendenzen voraus.

                Zum einen soll es zwar auch in Zukunft ähnlich viel regnen wie heute – aber dafür konzentrierter in Form von Starkregen. Dafür braucht es Ablauf- und Rückehaltebecken, sowohl im Kleinen, wenn es um die städtische Kanalisation geht, als auch im Großen, um Hochwasserwellen aufzufangen. Gut ist hierbei unversiegelter Boden, weil dieser Wasser besser zurückhalten kann. Schlecht sind versiegelte Flächen, weil das Wasser konzentriert abgeführt wird. Zum anderen braucht es Rückhaltebecken entlang des Rheines. Auch diese werden von manchen Varianten durchschnitten.

                Zum anderen sind Naturräume wichtig, um die klimatischen Schwankungen vor Ort aufzufangen, insbesondere in Hitzeperioden. Hierbei ist die Stadt Köln auf „Kaltluftentstehungsgebiete“ angewiesen: unbebaute Flächen, aus denen kältere Luft in die Siedlungsgebiete zieht. Das funktioniert schon im Kleinen: So ist der Grüngürtel meist ein paar Grad kälter als die umgebenden Stadtviertel.

                Nicht zuletzt sind zusammenhängende Naturräume wichtig, um bedrohten Arten Schutz zu bieten. Auch hier wirkt die Rheinspange „einschneidend“, weil sie große, zusammenhänge Flächen zerteilt, die heute unverbaut sind, und – egal ob landwirtschaftlich genutzt oder naturbelassen – ein wichtiger Rückzugsort für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind.

                Dies alles sind keine Mutmaßungen, sondern Prognosen, die im Detail untersucht worden sind. Die Umweltverträglichkeitsstudie zur Rheinspange von Cochet Consult im Auftrag von Straßen.NRW zieht das Fazit:

                „Unter Berücksichtigung der Darstellungen in Kapitel 4.1 und der Raumwiderstandskarte kann zunächst grundsätzlich festgehalten werden, dass sich zwischen der A555 im Westen und der A59 im Osten keine durchgängigen konfliktarmen Korridore ableiten lassen.“

                Wohlgemerkt: Es geht nicht um „konfliktfreie Korridore“ – Kompromisse zwischen unterschiedlichen Zielvorgaben sind ja planerischer Alltag – sondern nur um „konfliktarme“. Für alle Trassen-Entwürfe finden sich im Detail teils schwerwiegende „Raumwiderstände“ – ein technischer Begriff dafür, dass im Zweifelsfall landwirtschaftliche Fläche oder geschützte Wiesen und Wälder für die Autobahn weichen müssen.

                Der Tunnel als Lösung?

                Vor allem die Konflikte vor Ort haben dazu geführt, dass ein Rheintunnel in die Diskussion gebracht wurde. Und ja – für die besonders schutzwürdigen Zonen direkt am Ufer wäre dies wohl eine geeignete Lösung. Allerdings wäre auch ein Tunnel mit schwerwiegenden Eingriffen in die Natur verbunden, etwa durch Ein- und Ausgänge, Wartungszugänge und Entlüftungsschächte, zudem würde er wohl nicht die ganze Strecke abdecken.

                Letztlich steht hinter der RheinSpange die Frage, welche Vision für die Zukunft wir haben. Setzen wir auf weiteres materielles Wachstum? Also auf mehr Konsum, mehr Logistik, mehr Straßen? Oder treiben wir die Dematerialisierung unserer Wirtschaft weiter voran? Bauen wir im Sinne des Postwachstumsgedankens mittelfristig dezentrale, regionale und digital vernetzte Formen des Wirtschaftens auf?

                Die RheinSpange steht mit Sicherheit für das Wachstumsparadigma – und auch für eine Kapitulation vor der Frage, ob nicht der Gütertransport über die Schiene eine gangbare Alternative wäre.

                Fazit Klimacheck: schlechte Noten für die Rheinspange

                Im Klimacheck schneidet die RheinSpange mehrfach schlecht ab. Wie oben dargestellt und durch die Gutachten belegt, erzeugt sie massiv neuen Autoverkehr. Der Entlastungseffekt durch kürzere Wegstrecken dürfte verglichen damit vernachlässigbar sein.

                Zudem greift sie in wichtige Kulturlandschaften vor Ort ein und mindert deren Kapazitäten, Klimaveränderungen abzumildern. Nun nimmt auch eine Stadtbahn Flächen in Anspruch – allerdings werden diese im allgemeinen nicht voll versiegelt. Außerdem sind sie deutlich weniger umfangreich.

                Gerade weil das Verfahren schon so weit fortgeschritten ist: Die RheinSpange ist ein hervorragender Anlass, bei dem die Kölner Politik zeigen kann, wie ernst sie den ausgerufenen Klimanotstand nimmt.

                „f“ wie … „Freie Mitarbeit“

                  0
                  fffcologne nachhaltigkeit klima köln blog
                  Mach auch Du Geschichten aus Köln sichtbar!

                  Du hast Kapazitäten frei und willst Dich für eine gute Sache ehrenamtlich einbringen? Du interessierst Dich dafür, was in Köln in Sachen Nachhaltigkeit und Klimaschutz bereits passiert? Du kennst Menschen, die bereit sind, sich für ihre politischen Interessen einzusetzen und ihre Meinung kund zu tun? Du wolltest schon immer Teil einer gut gelaunten Redaktion sein? Wenn Du bei der nächsten Tiefenmeditation mindestens eine der vier genannten Fragen mit einem überzeugten „Ja, vielleicht“ beantworten kannst, bist Du unsere Frau, unser Mann, unser Divers!

                  Wir von fff.cologne vergrößern uns und erweitern das Redaktionsteam. Wir suchen Mitarbeiter*innen, die schreiben, filmen und/oder podcasten wollen. Dabei können wir uns gut vorstellen, dass Du in Eigenregie mit beispielsweise einem Beitrag pro Woche dabei bist. Momentan sind das hauptsächlich Beiträge in Textform, bald sollen Filme, Podcasts und Fotostrecken unser Œuvre erweitern.

                  Was sind Deine Themen?

                  Deine eigenen Format- und Themenvorschläge sind herzlich willkommen. Wir haben selbst eine Liste voller Ideen, die Du mit uns zusammen recherchieren und ausarbeiten kannst – online und offline. Von uns bekommst Du fundiertes Feedback und bei Bedarf fachliche Anleitung. Wir alle haben unser Handwerk von der Pieke auf gelernt und geben unser bescheidenes Wissen gerne weiter.

                  fffcologne nachhaltig köln klimaschutz ressourcenschonend energiespared arbeiten
                  Energie-sparend von unterwegs arbeiten: we <3 DIY
                  Foto und Laptop: Rocco Steuns

                  Bei der redaktionellen Arbeit kommst Du mit Menschen und Initiativen in Köln zusammen, die schon jetzt mit viel Power und Fantasie Neues möglich machen. Und gute Ideen sind ja bekanntlich ansteckend.

                  Jetzt kommt die weniger gute Nachricht: Wir sind in der Aufbauphase und haben nur wenig Budget. Die nächste Förder-Runde steht Ende April an. Bis dahin können wir für Eure Mitarbeit kein Geld bezahlen, denn auch unser eigener redaktioneller Einsatz ist derzeit ehrenamtliches Engagement. Wenn Du Dir trotzdem vorstellen kannst, Teil unserer Redaktion zu werden und den Aufbau von fff.cologne zu unterstützen, freuen wir uns umso mehr über eine aussagekräftige Email von Dir!

                  Herzlich,
                  Verena, Annelie und Sebastian

                  Eine Runde Bohrhammer für alle!

                    2
                    Trink-Genosse Köln fff fff.cologne
                    Foto: Silviu Guiman

                    Bar jeder Vernunft oder zur Nachahmung empfohlen? Das Kölner Bar-Projekt „Trink-Genosse“ verteilt das unternehmerische Risiko auf viele Schultern. Und erprobt so ein Geschäftsmodell, mit dem sich künftige Krisen womöglich besser meistern lassen als in klassischen Wirtschaftsbetrieben.

                    Ich habe eine Verabredung: mit Louisa Manz in der neu gegründeten Kölner Bar „Trink-Genosse“. Geht nicht in Corona-Zeiten? Geht doch! Die Trink-Genoss*innen haben nämlich nicht nur mit der Gründung einer Genossenschaft im Juli 2019 Neuland betreten, sondern auch mit der Eröffnung ihrer virtuellen Bar Mitte März 2020, die dem realen Vorbild in Köln-Ehrenfeld entspricht: mit Hauptraum, Küche, Theke, Dancefloor, Hinterzimmer und sogar Kloschlange und Raucherecke. In der sitze ich jetzt mit Louisa, jede von uns allein vor einer Webcam und doch gemeinsam. Eintritt frei!

                    Administrative Widerstände

                    Der Traum einer Bar, in der Gemeinschaft vor Profit steht und jede*r seine Ideen einbringen kann, entstand 2016 in einer Kölner Studenten-WG. Die Ur-Trink-Genossen Jan Buckenmayer und Kai Berthold stießen bei der Umsetzung jedoch bald auf administrative Widerstände. Das Konzept einer Bar in Form einer Genossenschaft war ungewöhnlich, und deswegen existierten keine etablierten Strukturen für eine Neugründung.

                    Im Herbst 2018 gab es den zweiten Anlauf, begleitet von einer Crowdfunding-Kampagne. Rund 150 Leute spendeten 56.000 Euro. Im Juli 2019 folgte die Ausgründung der Genossenschaft: die Menschen aus der Crowd wurden offiziell zu Genoss*innen und damit automatisch zu Eigentümer*innen des „Trink-Genosse“.

                    Virtuelle Bar Trink-Genosse Köln fff fff.cologne
                    Die virtuelle Bar.

                    Noch fehlte ein geeigneter Ort. Es folgten Erkundungstouren durch die Stadt, um Ausschau nach geeigneten Räumlichkeiten zu halten. „In einem Anfall von abenteuerlichem Wahnsinn haben wir das Lokal an der Subbelrather Straße 254 übernommen“, erzählt Louisa. „Wir hatten großes Glück mit dem Vermieter. Der mochte unser Konzept, auch ohne Erfolgsgarantie.“

                    Lousia Mantz Trink-Genosse Köln fff fff.cologne
                    Trink-Genossin Louisa Mantz. Foto: Silviu Guiman

                    Warum ausgerechnet eine Genossenschaft? Ist das nicht staubig, spießig und konservativ? Vorstandsfrau Louisa, Mitglied seit 2018, erklärt es so: „Fast jede Genossin und jeder Genosse hat schon mal davon geträumt, eine Bar oder ein Café zu eröffnen. Bei Trink-Genosse schmeißen alle ihren Traum in einen Topf und machen gemeinsam das, was einer allein nicht schafft.“

                    Risiko gemeinsam tragen

                    Für April 2020 war die Eröffnung geplant, aber Corona hatte was dagegen. Stress erzeugt das kaum, nicht nur weil der Vermieter freundlicherweise vorübergehend die Miete gesenkt hat. Eine Genossenschaft verteilt das unternehmerische Risiko auf viele Schultern. Jede*r Genoss*in hält einen oder mehrere Anteile im Wert von je 250 Euro. „Gemeinsam tragen wir auch das Risiko“, sagt Louisa. Niemand hat mit der Bar-Gründung seine Existenz aufs Spiel gesetzt, und so kann Corona den Trink-Genoss*innen im Vergleich zur klassischen Gastronomie wenig anhaben: „Sollte wir es nicht schaffen, habe ich 250 Euro verloren, aber dafür die krasseste Fortbildung meines Lebens bekommen.“

                    Louisa war im vergangenen Jahr in Vollzeit, aber ehrenamtlich Projektkoordinatorin der Trink-Genossen. Jetzt ist sie wieder in ihren eigentlichen Job und gibt anderen die Gelegenheit sich auszuprobieren.

                    Solidarisch, kreativ, nachhaltig

                    Die Genoss*innen geht es um mehr als gemeinsam Spaß zu haben. Sie wollen zeigen, dass solidarisches, kreatives und nachhaltiges Wirtschaften auf lokaler Ebene möglich ist – auch im herrschenden kapitalistischen Wirtschaftssystem. Der Profit ist kein Selbstzweck, sondern bildet die notwendige betriebswirtschaftliche Grundlage für ein demokratisches und vielfältiges Miteinander, für faire Gehälter und die zuverlässige Deckung der Betriebskosten.

                    Die Trink-Genoss*innen wollen einen Präzedenzfall schaffen. Wie beantragt man mit über 100 Eigentümern und drei jährlich wechselnden Menschen im Vorstand eine gewerbliche Konzession, die üblicherweise an Personen gebunden ist und daher mit jedem neuen Vorstand theoretisch neu beantragt werden müsste? Wie eröffnet man mit einem unerprobten Geschäftsmodell ein Konto? Gemeinsam haben sich die Trink-Genoss*innen durch solche administrativen Fragen hindurchgearbeitet. Um Gründer*innen künftiger Genossenschaften den Start zu erleichtern, hat Louisa den Prozess im Blog von Trink-Genosse dokumentiert.

                    Mitmachen und mitbestimmen

                    Wer die Grundprinzipien der Genossenschaft teilt, darf die Angebote nutzen und selbst welche machen. Stimmberechtigt sind allerdings nur Anteilseigner; so ist es gesetzlich festgeschrieben. Statt eines Manifests gilt ein „Manifluid“. Louisa: „Wir befinden uns in einem nicht endenden Lernprozess, in dem Konflikte ein Ausdruck unseres demokratischen Vorgehens sind. Aus Konflikten sind bisher die besten Ideen entstanden.“ 

                    Bisher hat das Netzwerk mit seinen vielfältigen Fähigkeiten alle Herausforderung gemeistert. Und was man nicht kann, lernt man eben. „Menschen dürfen hier die ganze Zeit Sachen machen, zu denen sie sonst nie Gelegenheit hatten“, erzählt Louisa. Wie jüngst bei der Entkernung der Barräume, als der gesamte Sanitärbereich renoviert wurde: „Da wollten alle mal an den Bohrhammer!“ Und natürlich durften auch alle mal – ganz genossenschaftlich.

                    Ur-Trink-Genossen Jan Buckenmayer und Kai Berthold. Foto: Silviu Guiman

                    In Coronazeiten laden die Genoss*innen täglich zwischen 19 und 21 Uhr zum Keipen- und Spieleabend ein. Einmal wöchentlich ist Plenum, das allen Interessierten offen steht. Eine Tabelle gibt Übersicht über geplante Aktivitäten und Thekenschichten. Wer die Genoss*innen in der aktuellen Durststrecke unterstützen will, kann dies über digitalen Getränkekauf in der virtuellen Bar tun.

                    Trink-Genosse Köln fff fff.cologne
                    Trink-Genossinnen in der virtuellen Bar. Foto: Keppel

                    Zur Website von Trink-Genosse

                    Neues Leben für die alte Jeans

                      0

                      Die ersten Köln-Sweater aus nachhaltiger Produktion gibt es ab sofort im Handel.

                      Der Rohstoff für die Köln-Sweater kam bei einer vielbeachteten Sammelaktion im Frühjahr zusammen. Den Sommer über wurden die alten Jeans zerrissen und zu neuem Garn gesponnen. Daraus und aus einem Anteil von frischen Fasern – ganz ohne geht es (noch) nicht – sind die neuartigen Shirts entstanden.

                      Die Auslieferung hat sich am Ende immer wieder verzögert. Nun stehen die ersten Sweatshirts zum Verkauf. Insgesamt wird es sie in drei Farben geben, mit der Kölner Skyline im Logo und zu einem subventionierten Preis von knapp 60 Euro. Vorläufig kann man sie nur in der Herrenvariante kaufen. Die Damenvariante (mit dem Logo auf dem Rücken) wird „in Kürze“ erwartet.

                      Neue Sammelstelle für Jeans in der Südstadt

                      Schon Ende September haben die Initiatoren den Köln-Sweater im Raum für Nachhaltigkeit (den wir hier vorstellen) im Rheinauhafen vorgestellt. Hier, im Erdgeschoss des nördlichen Kranhauses, befindet sich ab sofort eine neue Jeans-Sammelstelle. Zu den Öffnungszeiten, also sonntags von 13 bis 18 Uhr, kann man nun auch hier gebrauchte Jeans abgeben. Also Hosen, Jacken, Röcke und Taschen, die dann recycelt werden. Dazu müssen die Sachen zu mindestens 95 Prozent aus Baumwolle bestehen.

                      Zwischenstufen des Jeansrecyclings

                      Die Aktion „Rette mit uns 10.000 Jeans“, die das ökofaire Kölner Modegeschäft Kiss The Inuit im Februar gemeinsam mit dem niederländischen Modelabel Blue Loop Originals ausgerufen hatte, geht derweil weiter. „Wir kriegen noch immer Pakete mit alten Jeans und sehr viel positive Resonanz, und zwar aus ganz NRW“, sagt Initiatorin Katharina Partyka.

                      Die Leute sind froh, ihren alten Lieblingsjeans neues Leben einzuhauchen

                      André Weise

                      „Die Leute sind froh, dass sie ihren alten Lieblingsjeans neues Leben einhauchen können“, formuliert es André Weise von Blue Loop Originals. Und so werde jetzt bundesweit gesammelt: „Inzwischen an knapp 40 Stellen zwischen Flensburg und Landshut, und jede Woche kommen neue dazu. Bis Ende 2022 wollen wir in jeder deutschen Stadt mit mehr als 10.000 Einwohnern Jeans sammeln.“

                      Auch Shirts in Landshut, Kiel und Dortmund

                      Aus den gebrauchten Klamotten sollen immer neue Kollektionen von Sweatern entstehen. Die nächste pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in Landshut, danach in Kiel und Dortmund. „Wir haben einen tollen Stein ins Rollen gebracht, und der rollt jetzt weiter“, so Weise. Die Kölner Klamotte ist Versuchsballon und Aushängeschild zugleich. So erklärt sich auch die Subventionierung. Die knapp 60 Euro sind für ein Stück faire Mode vergleichsweise günstig.

                      Richard Krings von der Hehlerei mit dem neuen Sweater

                      Das Logo für diese Kollektion zeigt die Kölner Skyline mit Dom, Colonius und Severinsbrücke inmitten einer liegenden Acht. In der Mathematik ist das das Zeichen für Unendlichkeit, hier symbolisiert es den Kreislauf des Recyclings. Das Modelabor Hehlerei aus Ehrenfeld (über das wir auch schon berichtet haben) hat das Logo designt.

                      Zu kaufen sind die Köln-Sweater in Kurkuma-Gelb, Indigo-Blau und einem bräunlichen Erdfarbton. Das letztere Modell konnte bei der Präsentation noch nicht gezeigt werden. Denn das Ausstellungsstück war auf dem Postweg verloren gegangen.

                      Entwicklung als Abenteuer

                      Insgesamt sei die Entwicklung ein ziemliches Abenteuer gewesen, sagt Weise – „mit einigen weißen Flecken auf der Landkarte, auch bei der Produktion.“ Das und die spezielle Situation durch die Corona-Pandemie führten zu den Verzögerungen.

                      Vorerst sind die Köln-Sweater bei Kiss The Inuit im Agnesviertel (Schillingstraße 11) und in der Bonner Filiale (Friedrichstraße 58) zu kaufen. „Außerdem führen wir Gespräche mit Fairfitters im Belgischen Viertel und Wertstoff in Nippes“, so Partyka. „Aber die wollten natürlich nicht die Katze im Sack kaufen.“

                      Mode ist die zweitschmutzigste Industrie überhaupt

                      Katharina Partyka

                      Katharina Partyka erinnerte noch einmal daran, wie wichtig die Kreislaufwirtschaft gerade in der Textilproduktion ist. „Die konventionelle Mode ist – nach der Erdölindustrie – die zweitschmutzigste Industrie überhaupt. Schon 2015 wurden global 100 Milliarden Kleidungsstücke im Jahr produziert. Heute dürften das noch mehr sein. Gleichzeitig ziehen die Leute die Teile immer weniger oft an. So fallen 92 Millionen Tonnen Modemüll an.“

                      Noch sei der Anteil an ökofairer Mode auf dem weltweiten Markt zwar verschwindend gering. Dennoch gibt André Weise sich kämpferisch: „Die großen Umstürze haben immer bei den kleinen Leuten angefangen.“